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Mitgedacht - mitgelacht. Eine kleine Chronologie der Reaktionen auf «Exklusivklatsch» mit vielen farbigen Anmerkungen Von Matthias Kuhn
«Wenn man heute launischen und ungeduldigen Zeitgenossen begegnet, liegt es vielleicht am Unruhe stiftenden Mars. Das Resultat: Viel Lärm um nichts. Ruhig Blut bewahren.»
Dies nur der Vollständigkeit halber: Den Künstler Frank Keller, der in «Exklusivklatsch» einen Artikel über «Onaniertechniken» gelesen hatte, lassen wir jetzt beiseite, obwohl er der schnellste war: er wurde bereits ausführlich zitiert. Und ausserdem folgten auf die vielen Schimpfwörter redundantere Schreiben, die auch für eine Kritik mehr hergeben. Deshalb gleich zur Sache: Mit einer Reihe von Zitaten (ohne Anfrage der Autorinnen und Autoren, ob sie zu ihren Aussagen stehen oder nicht: Wo die Namen die Inhalte erhellen, werden sie genannt) und Anmerkungen.
Man muss wechseln können: Flexibel, schnell. Schön, dass Com & Com schnell am Ball waren: Gerade rechtzeitig für die Eröffnung dieser Chronologie. Startum als wirklich(e) künstlerische Strategie, müsste die ja wirklich interessieren. Ob ihre angeschlagene Strategie die internen Grenzen des Betriebssystems Kunst zu sprengen vermag, oder ob es beim Unternehmen Com & Com um den internen Versuch geht, das Thema Startum abzuhandeln, bleibt abzuwarten. Das schien aber mindestens Johannes Hedinger gar nicht zu interessieren, er schrieb nur: «ich sehe, ihr kommt alle noch auf den Geschmack - (welcome to the club).» Auf welchen Geschmack sagte er nicht und auch nichts über die Club, dem wir mit dem Gespräch jetzt beigetreten waren. Muss man immer alles ganz selber merken. Das lässt sich bestimmt später noch herausfinden. ... und plauderte dann von verschiedenen Projekten: was inhaltlich jetzt - mindestens im Bezug auf den laufenden Klatsch, oder die anlaufende Diskussion - auch nicht sehr viel hergab. Oder dann warens zuwenig Informationen. Marcus Gossolt ging auf das Thema ein, zuerst im Mail, dann im Gespräch. Interessant, wenn auch ein bisschen diffus alles. (Den Vorwurf kenn ich allerdings mittlerweile selber. Sind wir also schon zu zweit und schliesslich haben wir im Gespräch ja sowas wie «diffuse Subversion» gefordert. Hommage an Peter Kamm. Ja ja.) «mir ist todernst ... das gerüst des talks im läufigen format des boulevard - oder schon fast borderline? - gefällt mir sehr gut. aber die süffigkeit sollte ab und zu auch intelligenten sex hervorbringen. vor allem, wenn die protagonisten per se ihn nicht verstreuen können. denn pass auf. irgendwann erreicht alles eine dimension, die du mit biegen und brechen nicht mehr runterbringst. zum star verdammt. dann wirds echt geil.» Dazu jetzt wirklich nicht mehr als: Das Tagblatt meint immerhin, es sei kein Boulevardblatt. Und ich bin der Meinung - nur da wollte ich vorläufig widersprechen: dass es genau dann nicht mehr geil ist - echt oder nicht - wenn Projekte - das Leben von mir aus eingerechnet - 1 Ebene erreichen. Man muss wechseln können, flexibel. Schnell: und springen. Jederzeit. Also nicht verdammt. Niemals. Und schon gar nicht zum Star. Und intelligenter Sex? Von Süffigkeit hervorgebracht? Mann o Mann: Ist das ein Versuch im Reagenzglas? Oder in der Badewanne? Dann im Gespräch beim schnellen Feierabend-Bier: Was denn nun aber wirklich Kunst sei. «Für den Künstler ist die Frage existentiell», sagt Gossolt. Dem ist insofern zuzustimmen, als die Reflexion des Kontextes integraler Bestandteil der Arbeit ist. Immer. Klar. Schliesslich findet Kunst im Kunstkontext statt. Sobald sie ausserhalb stattfindet, muss sie den betreffenden neuen Kontext mitrecherieren und mitdenken und polt ihn dann insofern um, als sie sich seiner als eines angeeigneten Kontextes bedient. (Wieder mal eine Klammer. Ein Beispiel: Geht die Kunst ins Fussballstadion, wird entweder das Stadion zum Museum, oder die Kunst im Stadion unerkennbar. Bisschen absolut: Das Stadion als Museum ist für den Künstler interessant, weil es ihm eine Arbeit ermöglichen kann, die ihm das Museum nicht ermöglicht: Kontextüberschreitungen. In diesem Fall freilich gibt es plötzlich - und das verändert die Situation - zwei verschiedene Rezipienten. Der Kunstrezipient wird die Arbeit betrachten, wie wenn er ein Museum besucht hätte. Was er sieht, und da kann sein Gewinn liegen, ist aber eine Arbeit, die von anderen Zusammenhängen als denen, die das Museum stellt, bedingt wird. Als zweiter tritt der zufällige Rezipient auf. Ihn kennen wir aus dem öffentlichen Raum zur Genüge. Er ist mit allen anderen Absichten unterwegs, als mit denen, Kunst zu betrachten. Er will sich - um beim Beispiel zu bleiben - ein Fussballspiel ansehen. Er wird nun die Kunst entweder nicht zur Kenntnis nehmen, oder sie verständnislos übergehen. (Ob er dann dagegen wettert oder sie als uninteressant ignoriert, scheint dasselbe zu sein. Interessant wäre er nur, wenn er dagegen argumetierte.) Vielleicht - und darauf hoffen Interventionen ausserhalb der Institutionen - wird er aber gewissermassen missioniert, findet die Arbeit interessant und wird dann entweder zu einem regelmässigen Besucher der Institutionen selbst oder aber zu einem interessierten Beobachter des betreffenden Künstlers oder Kurators.)
Also keine Erklärungen, keine Didaktik: Ausführung. Muss jetzt dringend eine Reaktion vorziehen, weil da schon von Fussball die Rede war. Denn Fricker reagierte mit einer Fussballmetafer. Subject: Kopfball. «Klatsch provoziert lediglich Klatsch. Spüren sie ihre Inkompetenz und müssen sich deshalb mit Belanglosem brüsten?» Na ja, kann man so sehen. Ist ja eine Frage. «Wenn die vier Künstler verständlicherweise nicht bereit sind, das eigene Unvermögen zu thematisieren, könnten sie im Artikel wenigstens darauf hinweisen, wie andere die Kunst zeitgemäss praktizieren. In der Ostschweiz gibt es einige diskussionswürdige Beispiele, wie Künstler heute positiv und vielseitig agieren.» Das trifft härter. Denn Fricker sieht es folglich nicht als zeitgemässe Form: Zum Beispiel das Tagblatt als künstlerische Plattform zu akquirieren. Für einen Artikel, der so aussieht wie ein Zeitungsartikel, ganz einfach: Aber als Ausgangspunkt dient: für die weiteren Diskussionen. (Die ja im übrigen flott ihren Fortgang nehmen.) Alles gewissermassen als Teil eines Konzepts, das über die Seite im Tagblatt hinausgeht. Da war ich jetzt vielleicht ein bisschen zu mild: Müssen wir dann mal in einer offenen Diskussion bisschen Pulver verschiessen, damit sich der Mann wehren kann: und unmittelbar zurückschlagen. A propos Unvermögen gäbe es ja doch noch einiges zu sagen. Fricker schreibt weiter: «Der Kunst geht es gut, sie gibt viel zu tun. [...] Nur die Künstler sind im Dilemma.» Aha. Dilemma ist gut: Es ist der Antrieb zur Arbeit. Das stimmt. Aber was soll das heissen? Grad wenn man die eigene Krise thematisiert, hat man mit der Krise viel zu tun: Ein Normal Fall. Und Krise heisst dann eben nicht, dass es nichts zu tun gibt, eigentlich fast im Gegenteil. Und das wiederum nicht zuletzt genau darum, weil Künstler ihr eigene Arbeit (als Kunst) ständig reflektieren.
Winterpause. Überhaupt scheint trotz allem das eigentlich Thema Fussball gewesen zu sein: Da mindestens lag das Gespräch am Nerv (Siehe auch die aktuelle Saiten-Ausgabe, den Artikel: Wenn Journalisten Fussball spielen ist das Kunst. Oder so ähnlich). «habe den text gelesen und mich amüsiert. vor wenigen tagen sass ich mit einigen leuten zusammen und diskutierte über den erschienen kulturbericht der stadt st. gallen. (diskussion bereits zum 2. x) dabei prägte die runde ein satz: «wenn künstler fussball spielen, ist es kunst.» frage - oder ausrufzeichen. heute lese ich den text im tagblatt.» Es wird in der Stadt also nicht nur gelesen, sondern auch diskutiert. Schon mal was: Das erste Etappenziel erreicht. Und dass Fussball gespielt wird: noch besser. Wiedersehen bald auch im Stadion. Oder haben grad alle Winterpause? Jetzt wirds aber doch wieder ernst, denn vielleicht ist das Thema ja doch schwieriger, als alle Beteiligten gedacht hatten. Vielleicht geht's mit folgendem Zitat zur Sache: «ich las mit spannung, vor allem die [...] einschübe - den rest teilweise auch mit vergnügen, teilweise auch ratlos - und fragte mich zum schluss: und jetzt? was solls? irgendwie reichte mir der klatsch nicht.» Das hatten wir weiter oben: Der Klatsch sollte auch nicht reichen. Hatte gedacht, dass jeder von selber draufkommt, dass da unter der glänzenden Oberfläche noch was sein muss: «Naiv im Bezug auf Philosophie» (siehe unten). Vielleicht. Und natürlich gibts über den Fortgang keinen Konsens: nur die Diskussion. (Das sage ich immer mal wieder gern zwischenhinein: Was interessiert ist der Dialog: Die Debatte, nicht der Konsens. So hiess das doch wörtlich.) Und diese Diskussion müsste halt ergriffen werden. Insgesamt sind aber die vielen Mails (auch diejenigen die hier nicht zitiert werden) und die schönen Anspielungen im Tagblatt (von wegen, dass sich die Künstler auf dem Fussballplatz schon noch das Bein brechen werden, oder so) doch ein Anfang. Vielleicht nicht grad, wenn einer schreibt: «Ich sage hierzu auch meine Meinung», ja, also los: «Kunst ist in gewisser Weise fast alles. Zum Beispiel viele Sachen im Leben, die wir meistern müssen sind eine Kunst. Der eine kann es besser, der andere nicht.» Eine Kunst. Eben. Das ist dann - obwohl wir die Theorie für einmal draussen gelassen hatten - vielleicht doch zuviel Naivität. Laienmeinungen in Ehren. Es gibt ja auch stilsichere Laien: «Kunst hat doch Adressaten und ist nicht nur Selbstzweck. Sie soll provozieren, uns anstossen, witzig oder frech, schön sein oder Zerfall beklagen, Freude oder Trauer mitschwingen lassen, des Künstlers Sprache sprechen. Wenn sich in mir nichts rührt, weder eine Faser im Hirn, noch im Herzen, wenn ich keine Assoziationen herstellen kann zu meinem Dasein? Was dann? Dann ist es womöglich keine Kunst, oder ich bin eine Kunstbanause. Ich entscheide mich meistens fürs Letztere. Schade eigentlich.» Ohne Kommentar. Eine schöne Meinung.
Ganz schön geistiger. Nochmals abgeschweift, jetzt wirds aber wirklich ernst. Ludwig Zeidler schreibt fast schon Lyrik, und das ist nicht abwertend gemeint (wie sonst eigentlich immer): «kunst oder nicht / krise oder siege / heute entscheidet der / die kuatoren / kunst an die wand - bretter vor die tür / ach! leider verwechselt / kunst - künstler / alles ist offen und doch will jeder eine genaue definition / alles möglich - und sind die bauern noch so schlau, bei kunst wird selbst der knecht noch schlau /jeder kann jeden - jeder kann alles scheinbar beurteilen / und sogar provinzkuratoren schwingen das zepter der hohen zensur / sie ahlen sich in der pose und die künstler betteln ums fahrgeld /» Hört man da nicht eine still verzweifelte Klage? Das nur à propos «das eigene Unvermögen» oder «nur die Künstler sind im Dilemma» (siehe oben), und auch à propos «die Diskussion widerspiegelt wohl die Unsicherheit, Unklarheit der Künstler über ihre Stellung und Aufgabe in der heutigen Zeit und Gesellschaft». Was dann aber bei Zeidler wirklich noch weitergeht, denn die Klage wird lauter - und vielleicht, weil sie so etwas wie lyrisch daherkommt, das heisst in diesem Fall vielleicht: diffuser - ist sie mehrdeutig, was wieder heisst: Sie lässt Interpretationen zu. Fast schon ein Manifest: Und deshalb zwei (vorläufige) Schlussworte. Das vorletzte attestiert dem «Exklusivklatsch»: «Vielleicht ein bisschen naiv im Bezug auf Philosophie, aber verdammt spannend, was man selten über Künstlergespräche sagen kann. Ich würde gerne mitstreiten.» Mark Staff Brandl. Mitstreiten: das haben wir selten gehört. Für die meisten Leser/innen war der Zeitungsseite unten rechts fertig. Oder dann spätestens im Internet. Am Schluss also immerhin noch einer, der weiter will. Musste ich einfach noch sagen.
Der Text «Mitgedacht - mitgelacht. Zur Frage: Was ist Kunst? Eine Antwort: (keine). Eine kleine Chronologie der Reaktionen auf «Exklusivklatsch» mit vielen farbigen Anmerkungen.» erschien am 30. Januar 2002 im [wortwerk]. |