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Angst vor Kultur?

 

Einen Blick von aussen riskieren, ausgerechnet im Zusammenhang mit einer Diskussion um die regionale Kulturpolitik? Spass ist da nicht garantiert, dafür ist St. Gallen zu seriös und gar nicht lustig. Das Wahre, Schöne und Gute ist hier eine ernste Angelegenheit.

 

Gesundheitsrisiko Kulturbericht

(sda/ap) St. Gallen - Die Pisa-Studie warnt vor Lektüre des St. Galler Kulturberichts. Intensives Lesen kann zu Staublunge, chronischer Müdigkeit und Hautauschlägen mit Juckreiz führen. Inzwischen sind auch mehrere Fälle bekannt, bei denen Personen während der Lektüre über Schwindelgefühle klagten. Das Gesundheitsdepartement wurde unterdessen über diese Vorgänge informiert und untersucht den Bericht auf etwaige Gesundheitsrisiken. Bisher wurde von dieser Seite jedoch keine öffentliche Stellungnahme abgegeben. André Gunz, Kulturbeauftragter der Stadt St. Gallen äussert sich besorgt in einer persönlichchen Stellungnahme über das Gefahrenpotential für die Bevölkerung: «Leute, die mir gegenüber den Bericht loben, zerreisen ihn anderswo.»

Wie wenig verwaltete Kultur mit dem kulturellen Leben einer Region zu tun hat, zeigt der Kulturbericht der Stadt St. Gallen. Berichtskultur als harte, mühevolle und staubige Knochenarbeit. Die Warnung der Pisa-Forscher ist ernst zu nehmen. Auch das kantonale Erziehungsdepartement warnt inzwischen eindringlich vor der Berichtslektüre und der Schweizer Schriftstellerverband stellt dazu fest: «Unter literarischen Kriterien betrachtet fällt der Bericht mit seinen diffus gezeichneten Charakteren, einer Handlung ohne Höhepunkt, fortlaufenden Wiederholungen und schwacher Schlusseinstellung komplet durch. Komikelemente finden sich lediglich in den absurden bürokratischen Bemühungen Kultur verwaltbar zu machen. Dabei ist Ironie der Feind der Bürokratie.» Ich wage zu prophezeien, das dies kein Bestseller wird und er nicht einmal zum Fortsetzungsroman taugt. Dass andere Städte in ähnlicher Weise verfahren und Berichte dieser Art informieren und nicht unterhalten sollen, ist ein ebenso unzureichender Einwand, wie jener, dass es sich bei Kulturberichten nicht um "Kulturgut" sondern um «Verwaltungsvisionen» handelt. Dennoch bringt der Bericht einen nicht zu unterschätzenden Vorteil. Anhand der 127 Seiten wird deutlich: "Kultur ist Unterhaltung und braucht keine Verwaltung ...

 

Leben nach belieben: flexible Formate und parasitäre Strukturen

Ganz anders agiert eine junge Generation von KulturarbeiterInnen in der Region. Mit flexiblen und unabhängigen Projekten bringen sie die Kulturverantwortlichen in renomierten Institutionen und städtischen bzw kantonalen Stellen zum Staunen.

«Mir fehlt etwas, drum mach ich was», beschreibt die Haltung der OrganisatorInnen. Wobei das «Machen» schon viel von dem ausmacht was vorher vermisst wurde. Bezeichnend ist, dass viele Projekte von kleinen Gruppen initiiert werden. Gross genug um den Arbeitsaufwand bewältigen zu können, jedoch nicht zu gross, so dass persönliche Interessen und Ideen nicht in der Vielzahl der Vorstellungen der Beteiligten untergehen. Die gemeinsame Entwicklung von Ideen und ihre schnelle Umsetzung schafft ein unabhängiges Erfahrungsfeld, das mit hohem Tempo und grossen persönlichen Einsatz bespielt wird. Der Lohn für diese Bemühungen wird nicht in harten Franken, sondern in der Anzahl spannender Kontakte berechnet.

Ein weiteres Merkmal ist die temporäre Nutzung vorhandener Räume. Dabei handelt es sich um Zwischennutzungen von Räumen die zuvor nicht von Kulturinstitutionen genutzt wurden und deren weitere Zukunft ungewiss ist. Auch die Mitnutzung bestehender Räume, die von den eigentlichen Inhabern kurzfristig und zeitlich begrenzt zur Verfügung gestellt werden, sind häufig bespielte Orte. Clubs, Kneipen und Geschäftsräume werden kurzzeitig besetzt und nur mit minimalen Aufwand für das jeweilige Projekt temporär in Stand gesetzt. Nach Projektende werden diese Orte schnell wieder aufgegeben. Das flexible Raumkonzept dient dazu die Betriebskosten so klein wie möglich zu halten, damit sich diese nur gering auf das Veranstaltungsbudget auswirken. Denn es geht hier um Inhalt, nicht um die nächste Ausgabe von ≥Schöner Wohnen ...

Viele dieser Projekte melden nicht den Anspruch an, institutionellen Charakter entwickeln zu wollen. Im Gegenteil sie leben durch ihre Unabhängigkeit von bereits bestehenden Strukturen und Hierarchien. Das Label dient nur der kurzzeitigen Verortung im regionalen Kulturleben. Der Vorteil dieser Strategien ist das hohe Tempo bei der Realisierung von eigenen Ideen und persönlichen Vorstellungen und die Beschleunigung von innovativen Entwicklungen. Das eingeschlagene Tempo lässt ein Konkurrenzdenken nicht zu. Alle haben mit ähnlichen Problemen zu kämpfen und klar ist, das diese nur über den Aufbau eines vielfältigen Netzwerkes zu lösen sind. Die bisher streng getrennten und hermetisch abgeschirmten traditionellen Kulturzirkel sind eher ein abschreckendes Beispiel für Stagnation, Langeweile und Erstarrung.

Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen. Diese Strategien sind nicht neu. Ähnliche Versuche der alternativen Kulturarbeit hat es schon immer gegeben. In der Folge der 68-Ereignisse und der Punk-Bewegung in den achtzigern wurden vielfältige Strategien für Interventionen im bürgerlich geprägten Kultursektor entwickelt. Der Unterschied zu jenen alternativen Konzepten ist, dass sich die Organisatoren mit der Strategie der «flexiblen Formate» und «parasitären Strategie» nicht gegen die bisherigen Institutionen wenden, also keine Opposition aufbauen, sondern an institutionalisierten Strukturen einfach gar nicht mehr interessiert sind. «Nicht gegen etwas sondern für etwas» lautet die zeitgemässe Losung. Heute nimmt sich eine Generation von kulturinteressierten Menschen die Freiheit ihr Programm selbst zu gestalten. Dabei legt man sich nicht mehr auf einen Kulturbereich fest sondern sucht spartenübergreifende Kooperationen: Kunst, Musik, Film, Kino, Literatur,Tanz, Mode etc. Programm ist was interessant erscheint.

 

Angst vor Kultur?

Wer jetzt noch glaubt, dass KulturarbeiterInnen, die in diesen selbstentwickelten Strukturen arbeiten, Erwartungen an einen städtischen Kulturbericht hegen, liegt falsch. Wer hingegen glaubt, dass diese Form der Selbstausbeutung frei gewählt ist, hat recht. Die Projekte, von einzelnen Gruppen initiiert, sind Ideenpool für neue innovative Entwicklungen einer Kulturregion, daher sollte auch bedacht werden, dass jeder von diesem vielfältigen kulturellen Angebot in der Region profitieren kann und insofern sollten auch die Bemühungen einzelner Kulturgruppen von einer breiten Masse mitgetragen werden. Traditionellen Kunst- und Kulturinstitutionen ist nur zu raten, sich mit diesen flexiblen Strategien auseinanderzusetzen und durch Kooperationsbemühungen von ihrer Seite aus am kulturellen Leben in der Region teilzunehmen. Denn eines ist klar: Die Stadt braucht beides. Flexible Formate und traditionelle Kulturinstitutionen. Beides sollte seine entsprechende Förderung erhalten. Für die einen der Kulturbericht, für die anderen unbürokratische Soforthilfen.

 

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Der Text «Wir können auch anders.» Ein kulturpolitischer Stadtrundgang in St. Gallen: Frohegg, Juve-Club, ex-libris, Papagei, ... Von Vincent St. Gallo - zuerst erschienen in Saiten, Kulturmagazin, St. Gallen - ist Teil des Projektes:
Nembrini/Rinderknecht/Salzmann/Kuhn: Exklusivklatsch.
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