Digitales Selbstportrait

File-Sharing als Kunstwerk

Von Tilman Baumgärtel

 

 

Die italienische Künstlergruppe 0100101110101101.org teilt bei ihrer Arbeit «Life-Sharing» ihre Festplatte mit dem Rest der Netz-Gemeinde. Der Inhalt ihres Computer soll unter die Gnu Public License (GPL) gestellt werden.

«Life-Sharing» ist das Bildnis des Künstlers als Festplatte. Das neue Internet-Kunstwerk von 0100101110101101.org erlaubt jedem Netzuser Zugang zum Rechner der italienischen Künstlergruppe mit dem seltsamen Namen. Wer die kryptische Adresse www.0100101110101101.org [1] in seinen Internet-Browser eingibt, erhält direkten Zugang zur Festplatte der Netzkunstgruppe. Nein, nicht zu ihrer Homepage oder ihrer Website - sondern direkt auf ihren Rechner.

«Now you are in my computer», begrüsst der Rechner, der in einer Dachgeschosswohnung in Bologna auf einem Schreibtisch steht, den Surfer. Dann ist man «drin» und kann nach Herzenslust auf der Festplatte herumstöbern und sich alles ansehen, womit sich das Künstlerduo gerade so beschäftigt. Man kann ihre Emails lesen, nachgucken, an welchen Projekten und Texten sie gerade arbeiten, oder welche Software sie benutzen. Bloss verändern kann man über das Internet nichts.

Doch alle Daten der Italiener mit dem merkwürdigen Namen lassen sich auch auf den eigenen Computer herunterladen, selbst weiterverarbeiten, an andere verschicken, oder selbst wieder im Internet veröffentlichen. Denn die Künstler von 0100101110101101.org glauben nicht an Copyright und geistiges Eigentum, sondern halten sich an die alte Hackerparole: «Information wants to be free.»

«Life-Sharing» ist der Titel der Arbeit, ein Anagramm von «File-Sharing», dem Austausch von Daten auf privaten Computern über das Internet, wie er zum Beispiel bei der Netz-Tauschbörse Napster stattfindet. Der Titel «Life-Sharing» trifft den Kern der Arbeit: Der komplette Einblick auf ihre Festplatte ist auch ein digitales Selbstporträt der Künstler, deren Leben zum grössten Teil über ihren Computer läuft.

Die radikale, vollkommene Veröffentlichung des eigenen Lebens ist in der Kunst nicht wirklich etwas neues: so verschiedene Künstler wie Chris Burden, Rirkrit Tiravanija oder sogar Andy Warhol haben ihr Privatleben in öffentliche Kunstspektakel verwandelt.

Auch im Netz ist die totale Enthüllung des Privatlebens ein Dauerthema der Cyberkultur - man denke nur an die berühmt-berüchtigte Jennicam [2], bei der sich eine amerikanische Webdesignern rund um die Uhr von der Webcam auf ihrem Monitor beobachten lässt und wir sie bei der Arbeit, vor dem Fernseher oder im Bett betrachten können. Ein anderes bekanntes Beispiel für die vollkommene Offenlegung des eigenen Privatlebens ist der holländische Programmierer Alex van Es, der seinen halben Haushalt ans Internet angeschlossen hat. Nun können die Websurfer auf seiner Homepage www.icepick.com nachsehen, wie oft er in der letzten Zeit die Klospülung gezogen hat, wann die Schelle zum letzten Mal geläutet wurde und wie oft die Tür des Kühlschranks bedient wurde.

Gleichzeitig ist in der Netzkunst das Thema der «Cyber-Intimität» - der seltsame Gegensatz zwischen dem Personal Computer auf dem eigenen Schreibtisch und der Möglichkeit, über diese Maschine Kontakt zu einem weltweiten Massenpublikum aufzubauen - immer wieder behandelt worden. Die österreichische Netzkünstlerin Eva Wohlgemuth hat zum Beispiel dreidimensionale Scans [3] ihres Körpers auf ihrer Website veröffentlicht, die der Betrachter nach Belieben drehen und wenden kann, und ausserdem persönliche Tagebücher von ihren Reisen in Sibirien und andere Länder im Netz veröffentlicht.

Aber «Life-Sharing» thematisiert nicht nur Fragen des Datenschutzes und der «privacy», auch wenn die Künstler in einem Interview hervorgehoben haben, dass es ihnen bei der Arbeit auch darum geht, die soziale Kontrolle, die Computer und Computernetzwerke möglich machen, zu umgehen: «Die einzige Art, wie man Kontrolle verhindern kann, ist eine Datenschwemme, bei der man so viele Daten wie möglich aufhäuft und sie so vermehrt, dass es schwierig wird, sie zu isolieren und zu interpretieren.»

Nachdem sie ihren Computer ans Internet angeschlossen haben, wollen die Künstler nun ihren gesamten Desktop unter die Gnu Public Licence ( GPL [4]) stellen, eine Software-Lizenz, die für Freie Software wie zum Beispiel Linux gilt. Die meisten der handelsüblichen Software-Lizenzen gestatten den Austausch von Programmen; das Ziel der GPL, die von dem amerikanischen Hacker Richard Stallmann entwickelt worden ist, war aber gerade, dass jedermann Software nach Belieben kopieren, weitergeben und weiterentwickeln kann: «Unsere General Public Licenses sind so gestaltet, dass es sichergestellt ist, dass man die Freiheit hat, Kopien von freier Software anzufertigen (und für diese Dienstleistung auch Geld zu verlangen). Ausserdem stellen sie sicher, dass man den Quellcode bekomme kann, dass man die Software verändern kann oder Teile davon in anderer Freier Software verwenden kann», heisst es in der Einleitung der GPL.

Während internationale Medienunternehmen wie Bertelsmann oder TimeWarner zur Zeit versuchen, unseren Zugang zu Information zugunsten eines Pay-per-view-Modells zu verändern, erlaubt das Internet gerade, digitale Texte, Bilder und Musik so frei und so unkontrolliert wie nie zuvor zu verbreiten. «Life-Sharing» ist eine starkes Plädoyer dafür, Information weiterhin als Gemeingut und nicht als Ware zu betrachten. Gerade Freie Software wie Linux hat gezeigt, wie erfolgreich man mit der Strategie sein kann, Information so öffentlich wie möglich zu machen, statt sie zu verbergen und vor dem unbefugten Zugriff anderer zu «schützen».

Für 0100101110101101 ist das Entstehen von Kultur ein offener Prozess, der durch den freien Zugang zu Information beschleunigt und verbessert wird. Bei früheren Aktionen haben sie die geheimnisvoll tuende Webgallery «hell.com» für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht, indem sie den gesamten Inhalt von hell.com herunterluden und auf ihrer eigenen Website wieder veröffentlicht haben.

In ihrer neueren Arbeit verlagern sie diesen Ansatz von Open Source in einen neuen Kontext: «Bis jetzt ist die GPL nur auf Programme angewandt worden, und zwar mit grossem ökonomischen wie kulturellen Erfolg. 0100101110101101.ORG wollen das »Open source«-Modell auch auf Kunstwerke anwenden. Das ist ein konkreter Vorschlag: wir wollen wirklich intellektuelles Eigentum teilen, wir beginnen dabei mit unserem eigenen, und wir tun es jeden Tag.» Ein Anwalt, der die GPL so umformulieren soll, dass sie auf kulturelle Produktion angewendet werden kann, arbeitet zur Zeit an einer eigenen «freie» Lizenz für die Kunst von 0100101110101101.org.

 

 

 

Links
http://www.0100101110101101.org
http://www.jennicam.com
http://www.thing.at/bodyscan/
http://www.gnu.org/copyleft/gpl.html

 

 

 


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