Flauder am Tisch des Wortwerkers

Stippvisite im Labor von Matthias Kuhns «filesharing» im Projektraum exex

Von Marcel Elsener

 

 

Seit einer Woche arbeitet der St. Galler Künstler Matthias Kuhn mit dem «Wortwerk» statt in seiner Privatwohnung im Projektraum exex. Dort erwartet er Besuch, nicht nur auf Einladung. Wir haben ihn beim Wort genommen.

 

 

Ateliers und Büros ebenerdig in ehemaligen Ladenräumen haben in unserer Stadt noch immer Seltenheitswert. Umso erstaunlicher das Grossraumbüro, das sich dem Passanten im ehemaligen Ex Libris am Oberen Graben präsentiert. Ohne Hemmschwelle darf dort durch die Scheiben geglotzt und auch eingetreten werden, als Mitbringsel wird allenfalls eine Portion Gwunder und ein guter Vorschlag erwartet. Nachdem neben «Saiten» mit seinem offenen Bürobetrieb nun auch der Künstlerverband Visarte die Räumlichkeiten belebt, dürfte sich das Haus bald als wichtigstes Kraftwerk der Kultur in der Stadt profilieren, als Transformatorenraum der Ideen.

 

Laptop und Kopfhörer

An diesem Donnerstagmorgen, kurz nach zehn, empfindet sich der Besucher im ersten Moment trotzdem als Störenfried. In konzentrierter Stille wird an vier Computer-Arbeitsplätzen gearbeitet, die Kaffeepause ist offensichtlich vorbei. Der fünfte Büroarbeiter, jener, dem unser Besuch gilt, hat sich hinter seinem Laptop gar Kopfhörer aufgesetzt - Matthias Kuhn, der Wortwerker, sitzt etwas abseits in einer Nische. Im klassischen schwarzen Hemd, das Philosophen gut ansteht, tippt er eine Abschrift des Gesprächs mit Hildegard Spielhofer. Sie wird nächsten Donnerstag im öffentlichen Talk die Möglichkeiten der Künstlerin als Kuratorin und Dienstleisterin erläutern. Rechts neben dem Laptop liegen die «Gespräche mit Marcel Duchamp», links stapelt sich eine Beige Bücher über Kunst im Cyberspace. Und über dem Büro prangt unübersehbar die Schrifttafel «Ort der Lüge», eine Arbeit von H.R. Fricker, die Kuhn vor zwölf Jahren erstanden hat. «Seither hängt sie ständig am Ort, wo ich mit Sprache arbeite», lacht der Wortwerker - und zeigt ein paar Bücher dazu, «Das Lexikon der Fälschungen» oder «Die Kulturgeschichte der Missverständnisse». Statt zuhause in seiner St. Fidener Wohnung arbeitet Kuhn zwei Monate lang im Ausstellungs- und Veranstaltungsraum exex; hier lässt er die Fäden seines Netzwerk-Projektes «filesharing» zusammenlaufen, das die jüngsten Interaktionen der Kunst mit ausserkünstlerischen, medialen Bereichen thematisiert und das entsprechende neue Selbstverständnis der Kunstschaffenden klären helfen soll.

 

Alles in Frage gestellt

Um Missverständnissen vorzubeugen, stellte die Kunsthistorikerin Corinne Schatz bei der Eröffnung klar, dass es weder um eine Ausstellung noch um eine Installation gehe. Vielmehr geht es um ein Labor, eine Diskussionsplattform. Oder ganz einfach um ein Gesprächsangebot. Seine Gäste, ob eingeladene oder - durchaus erwünscht - auch «ungebetene», erwartet Kuhn am weiss betuchten Tisch mit Früchten, Kaffee oder Flauder. Das nach dem Innerrhoder Wort für Schmetterling («Flickflauder») benannte Mineralwasser mit Holunder und Melisse braucht er an diesem Morgen. Übermüdet, aber voller Begeisterung berichtet er vom Mittwochsgast: Kurt Schmid, ein Kreuzlinger Freund aus Lehrerseminartagen, erwies sich mit seinen präzis-fiesen Fragen als «harter Brocken». Das Gespräch drehte sich um die gefährdete Rolle der Künstler, die auf ihrem Gebiet von Hackern, TV-Kameraleuten oder Werbern überflügelt würden. Vier Thesen, die daraus hervorgingen, sind ins Netz gestellt. «Schmid wird eine Art Supervisor dieses Projekts werden», glaubt Kuhn. Die Auswahl der Gäste entspricht den Fragestellungen des Projekts. «Es sind fast alles Leute mit Arbeiten ausserhalb des herkömmlichen Werk-Begriffes.» Als «Geheimtipp» empfiehlt er den literarischen Abend «textfiles» vom 25. April. Die Berlinerin Petra Coronato, die sich unter dem Label «tongue tongue» mit dem Recycling von Literatur beschäftigt, wird «Matrix Louvre» vorstellen, ein «wunderbar anarchistisches und wohlkomponiertes Logbuch über Stoff, Crash und zweckloses Unbehagen in der Literatur», wie ein Rezensent meinte. Den Auftritt teilt sie sich mit den St.Gallern Etrit Hasler und Richi Küttel, die eine Simultanlesung vorbereiten, sowie mit Pascal Aubry («Ethik 00»).

 

Allerart Abschweifungen

Auch eine Premiere kann Kuhn bieten: Am 17. April zeigen Stefan Rohner und Frank und Patrik Riklin eine Kostprobe ihres Films «Die Sache mit dem Gasflaschenschrank». Gleichen Abends läuft Rohners Lieblingsfilm - Polanskis «Zwei Männer und ein Schrank». Auch eine Videolounge findet in diesem Projekt Platz. «Filesharing funktioniert mit allem», sagt Kuhn, und korrigiert sich, «nicht mit allem, aber mit Abschweifungen.» Schon raucht einem der Kopf. Ein Schluck Flauder noch und wir sind draussen. Mittag ist's geworden, die Frühlingssonne ruft. Kuhn würde «gerne mit dem Bike ins Appenzellerland», doch die Arbeit ruft. Er setzt sich den Kopfhörer auf und tippt weiter Fragen und Antworten. Vor allem Fragen. Am Ende wartet «die grosse Frage, die sich stellt» (Schatz): Was entsteht daraus? Ist das Ganze ein Kunstwerk? Oder ist alles Theorie? Vorläufig bleibt als Antwort die Empfehlung, die Dateien von wortwerk.ch zu öffnen. Oder eben «physisch» an den Gesprächen vor Ort teilzunehmen.

 

 

 


Der Artikel erschien am 15. März 2003 im St.Galler Tagblatt.
Bild: Hannes Thalmann.
Copyright 2003 bei St.Galler Tagblatt/Marcel Elsener
Text-URL http://www.wortwerk.ch/file_sharing/dokumentation/sgtb_030315.html