19940202 betrifft hegelbach (1. teil) und goethe, nebst einigen randbemerkungen mein lieber steinweg
> was ernst hegelbach in spanien angeht, gibt es da doch einiges brüchstückhaftes zu erzählen. [...] [1] > ein wort zu diesem hochangeber: seine vielseitigkeit, sein vielseitiges interesse usf. spricht für ihn, sein werk (wohlverstanden bald mal 200 jahre später) spricht gegen ihn. ist es nun der herr geheimrat selber, oder sind es seine geschichtsschreiber, die hier einen éclat dans l'émail haben? übrigens brachte mir die coronato letzten oktober folgenden umstand zur kenntnis: eckermann und goethe (mein gott, zwei schöne briefschreiber und gesprächspartner!) erörterten die frage, woher einer (muss wohl dann doch goethe gemeint gewesen sein) die kultur habe. eckermann meint prosaisch: ´Man könnte ebensogut einen wohlgenährten Mann nach den Ochsen, Schafen und Schweinen fragen, die er gegessen und ihm die Kräfte gegeben.ª welche argumentation dann schliesslich darauf hinausläuft, dass sich unser kultureller hintergrund eben dermassen komplex zusammensetzt, dass die einflüsse nicht rückführbar nachzuweisen sind. was deinen vergleich goethe - rolling stones angeht habe ich durchaus mein verständnis, nur darf man, glaube ich, dabei goethes wirkung nicht überschätzen. denn in zweidreihundert jahren fehlen beide im lexikon (variante eins), oder sind in den elektronischen massenspeichern mit dem gesamt-werk vertreten (variante zwei), goethe leise und ausführlich, die stones lauter und ausführlicher. > zu der frage, beziehungsweise dem abwägen und werten zwischen den herren goethe und molière (welchherr herr war der wertherre? oder so ähnlich) muss ich, auch wenn mir, wie dir, der arsch lacht, vorderhand passen, da mir schlicht der herr geheimrat halt doch vertrauter ist: rein literarisch versteht sich. denn dass er menschlich eine sau war, das kommt ja eben jetzt zum jubeljahr endlich doch noch raus. (ein engländer war in den archiven! da wissen wir ja zwar auch was wir von denen zu halten haben. vor allem wenn sie vor genommenen burgen stehen und mit den franzosen, die in sicherheit hocken, parlieren.) > was die reduktion der frage auf das nord-süd-gefälle angeht, stehe ich dann allerdings wieder ganz auf deiner seite. gerade in diesem heuren jahr: wer stürzte sich da nach weimar rauf. wir nicht! uns lockt des südens ewiger reiz, die mediterrane erotik hochsommerlich- französischer// klosterschulen. ich höre die schlecht gegossene glocke dünn durch den heissen mittäglichen hof klingen, geniesse mit vollen sinnen das frugale mahl am tisch der// schlossgärten, das sanfte wehen der hohen, ungeschnittenen gräser auf den schlosswiesen, der liebliche gesang der fungfräulichen prinzessinnen, das unschuldige werben der staubigen prinzen hoch zu ross, der duft des sommers, wenn das gewitter losbricht und die prinzessin// küche: die schönen, schlanken fische, vor stunden noch im wasser, die fleische, oh die fleische (ce qui ne coûte pas chair, ne veau rien!), des weiteren die gemüse, die kartoffeln (separat erwähnen) und die weine, die wasser, die süssspeisen, mein gott, die süssspeisen, der starke kaffee, ganz zu schweigen von den vergnügungen nach tisch, wenn alle sich// ... // > und dann zuletzt muss dem plan der persönlichen theateraufführung beigestimmt werden: nichts herrlicheres, nichts gemässeres, als einen privaten kleinen (ja, da lass ich ihn mir gefallen) molière, ohne staub, ganz frisch und blank, wunderschöne junge schauspielerinnen und schauspieler, danach ein gastmahl im freien und die üblichen vergnügungen (siehe oben). denn wie ist das mit der literatur? sie bildet das leben ab? sie ist das leben? keine zwischenrufe jetzt: es wird genossen werden! und gemeinsam lassen wir (soviel zustimmung!) das deutsche (auch den herrn geheimen staatsrat) hinter uns und singen fröhlich: wiehief la fronhanss! 1 gruss: wenzel. bis bald!
[1] [...] Die Geschichte über Ernst Hegelbach in Spanien musste aus urheberrechtlichen Gründen aus dem Briefwechsel herausgenommen werden. Wir bedauern dies. [zurück zum Text]
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