Die menschlichen Feinde - Franz Wenzel und das Theater
von Hanns Stenzel
Beilage Eins: Brief von David Steinweg an Franz Wenzel («Der Feinde-Kommentar»)

 

 

mein lieber franz

ich habe mir das sonntägliche leben nun eingerichtet wie im heiligen wald. dein theaterskript liegt bereitet auf dem tisch. daneben die bibel, [...] und ein glas wasser. es stört also nichts den genuss des lesens und des nachmittags. ausser meiner wenigkeit, die selbstschreibend anwesend ist [...]. du siehst: nichts, aber auch gar nichts kann mich von der eingehenden lecktüre, von deinen dispositionen ab-, um- oder sogar weglenken.
um besser reagieren zu können, um dir direkt einblick zu geben in meinen begleitenden gedankenfluss, schreibe ich dir alles tunlichst und minutiös auf. gut, mein freund. es ist wirklich niemand in meinem büro, ausser mir, und meinen lasterhaften hintergedanken.
du siehst, ich taste mich also zusammen mit dir an die materie. will heissen: ich schreibe und lese gleichzeitig. das soll die qualität der gedanken verbessern, die inspiration, mag aber vielleicht manchmals auch einen gedanken zu schnell gleiten lassen. daraufhin hätte ich dich denn auch gewarnet.

der titel kommt vererst gut. auch wenn ich den ausgang der geschichte und der ganzen theatralischen entwicklungen noch nicht kenne.

[...] hebe will sich nicht als schön bezeichnen. ich sage ihr dann: «du bist meschugge, oder sonstwas, aber vor allem schön.» «nein, ich bin ein altes weib mit runzeln. du bist blind.» «gut», sage ich, «aber wenn du hässlich wärst als wie ein pott, dann hätte ich keine lust mehr, dich anzusehen. du bist nämlich von lieblicher gestalt, von marzipanenem gesicht und ich habe hunger auf dich.» das nützt alles nicht
zweitens: der knabe, der junge fischer. ich bin sicher, dass er den gott spielen will. er meint nämlich, er sei sowas ähnliches. insofern hat er sehr schizopherene züge an sich. und ich meine auch, dass er das nicht nur meint, sein zu wollen, er glaubt es ständig. und was die pinzenzin anbelangt: hauptsache, das faule weib muss sich nicht bewegen. in dieser rolle gefällt sie sich besonders gut. ein glück, wo doch andere pubertierende mättchen doch recht strapazierend werden können.
ob du den scotch-terrier vielleicht nicht weglassen möchtest? [...] nun, auch wenn der schottenfrosch paul heisst (mein fater wird sich freuen), er ist doch gefährlich für irdische wünsche, auch wenn sie diesmal nicht materiellen, sondern hündischen geblüts sind. andererseits: was gibt es schöneres, als etwas treues neben dem kaffeetischchen. etwas, das einen erwartet, selbst wenn es schon richtig einmorget, wenn man heimkommt, und auch dann, wenn man stockbesoffen ist. ein hund: ein grund.
der fischer und die prinzessin: das ist eine tragödie für sich alleine. das hat sich nicht geändert, aber verbessert. ich kann dir sagen: je eine garderobe für jede schauspielfigur kann nur guttun. pinzenzin: «wo hasst du meinen haarspray, du knilch.» der fischer: «ich bin kein knilch.» (damit mein er sogar auch noch seine körperliche grösse ...). «verlass mein zimmer.» «du stehst auf meinem unterarm.» «ich bringe dich um.» das alles ein paar sätze für die kleine szene mit den kinderlein. der teufel ist da ein anfänger dagegen.
ich denke, phanias wird sich noch freuen über die theaterlust des volkes. denn wenn das stück ein renner wird, lässt er sich ersetzen und lebt von den tantiemen. er kauft das landgut in pézenas und lässt sichs gut gehen. hausteufel hin oder her.
[...] dass ganymed den teufel in den arsch treten darf und vielleicht sogar ins knie schiessen, das freut mich! und mein vater wird sich wiederum freuen, einen pech- und schwefelfetzen zu apportieren. es geht doch nichts übern skottischen witzki.

bis jetzt gefällts mir gut (akt 1): säfte und wasser, und man betrinkt sich rechtschaffen, dann das abendröten und dann das: «liebchen, liebchen.» was die geschlechterdifferenz bedeutet, ist mirs egal. [...] es ist eine tragödie. wo soll das noch hinführen. wir sind nun mal prahlhanse und aufschnitter und ewige junglenden, zuckende. wir wollen nur eines: uns fortpflanzen (wir könnten das eigentlich auch mal zugeben, dass wir nur das möchten; bei den bienen ist es auch nicht anders). im übrigen: das ewige gerede von der unterdrückung der frau durch den mann der ihr vorschreibt, wie sie zu sein habe, ist etwa gleich veraltet, wie die diskussion, warum frauen den männern immer sagen, was sie nicht dürften. wems so geht: selber schuld, ins eigene knie schiessen und von vorne anfangen.
was übrigenz die leichtigkeit der pinzenzin anbetrifft: sie ist manchmal so klirrend berechnend, dass sie durch alles eis durchbricht. ein junger frischer kann da nur noch theatralisch werden. aber lassen wirs.

zweiter akt: ein lettischer geschichtenschreiber könnte es nicht besser machen. mein lieber freund, das ist nicht spöttisch gemeint. ich denke nur an deinen urmasurischen karpfen mitten im süden. das sind die rentiere an der krippe jesu und der elch, der remus und romulus an seine titten führt. was wohl, ist für die südlichen publikanden aus einer solchen bildhaftigkeit ersichtlich? was wohl verstehen sie von hechten und karpfen (man denke da auch an die fast-nachts-zeit). die zeit des erwachens in deiner zweiten szene ist sehr realistisch. ein schlosshund, ein schlüsselkind, ein vergessener alter, ein neuer junger tag in seiner spriessenden pracht und seinen gerüchen aus einer französischen bäckerei. dann kömmen die erbaulichen gespräche. und dann noch: sowohl die pinzenzin, wie auch der fischherr befinden sich von tack zu tack auf schwellen. man weiss zwar dann nie, ob sie das trotzallem innert sekundebruchteile auch ins babyalter zurückwerfen kann, oder nur zielgerichtet vorwärts. man lernt damit umgehen und kann dem rückschritt nur so vorbeugen, indem man kindischer tut als die kinder. jawoll.

dritter akt: [...] nun aber gemach. die habgier des fischers liest sich schon im zweiten akt: «ich habe nichts zu verschenken» scheint sich hier in bezug auf seine pinzenzin-schwester auszudehnen. die liebt er denn eigentlich auch. ich denke, ausser schönen augen machen, tut die pinzenzin wenig. schliesslich sollen die teufel ja kommen. und wenns bis in den garten sei. sie darf natürlich warten. solchen pinzenzinnen könnte ich eine runterhauen. warten, und nichts tun! das wort infantin ist eben nicht viel entfernt von infantil. und es hat auch seinen grund. das leben ist ein erstreben, das wissen wir genau. aber wir sind eben auch keine pinzen und schon gar keine pinzenzinnen.

betrifft die klammer. herr wahrig ist ein arsch. ich kann ihnen sagen, herr wahrig: «es soll nicht immer des menschens streben sein, die langeweile hinwegzuführen, denn sie gehört zum menschen, wie seine linke hand.» (steinweg: 28, 274). lichtenberg soll nicht nur ein nettes menschlein gewesen sein (ein verdammter pfarrssohn obendrein), sondern ein planloser mensch, dass es krachte. oder kannst du mir sagen, was die planlosigkeit in seinen generalsuddelheften gesollt hat? diese vielen aufsätze, wo er sich als kenner verschiedenster materie aufschneidet? so dass die menschheit nach jahrdutzenden immer noch das miese gefühl haben soll, sie selbst, obwohl einige jahre gereifter, habe anrecht auf unwissenheit. nur ein herr lichtenberg sei da überm damm gestanden? und wie sagte doch der alte preussenphilosoph und staatenchauffeur? «jeder nach seiner flasche.» na also. ein bisschen wirr ist doch jedes menschengedenken. einmal hier und dann dort. überhaupt. es ist ein planloses, das leben.

vierter akt: [...] du weisst, dass ich jakob daniels und hans walker nicht mag. ich finde sie ziemlich wässrige gesellen. ich hätte sie lieber nicht in diesem stück mit dabei. da sind mir glen deveron und glen fiddich (sie sind nicht miteinander verwandt, obwohl sie denselben vornamen haben) dann doch lieber. dies nur eine kurze note dazu.
in frankreich wird man nass nicht nur bis auf die haut, sondern bis auf die knochen. das hat seine gute seiten. kommt man, von einem lichten kegel nach hause geleitet, endlich in die warme stube, ist der vorgang des nassmachens noch lange nicht fertig.
die drei bäume (da musst du schon wieder eichen nehmen, nachdem ich dachte, mit dem karpfen als nördlichem sinnbild, wäre es getan) erinnern mich an das märchen der grimmigen brüder vom teufel mit den drei goldenen haaren. und irgendwie verfolgen einen die bilder, die man als kind dort zu gesicht bekommen hat, ein leben lang. oder sie begleiten einen. der teufel dort sah doch tatsächlich aus wie ein schwarzer mitchrist aus afrika und hatte drei verdammte goldene haare (immer die aus dem norden ...).

fünfter akt: nun, auch linsengerichte bringen einen nicht viel weiter. es geht dabei fast um die lösung einer sissi-fuss-frage. ich bin hingegen sehr froh darüber, dass das gericht nichts genaueres auflösen muss. noch frug ich mich, ob es sich vielleicht zum standesamt mache und die pinzenzin einen teuren freier (einen treuen feinen, meinte ich natürlich) sich an die fingerchen hat heften können. sodass alle in pézenas hätten bleiben können und müssig tun bis ans lebensende. andererseits findet zuerst auch der alte mann erwähnung und man könnte sich fragen: ist der bub, alias der fischer, als ein räuberer angeklagt? fragen, bange, über fragen (nochmals bange). dass sich das teuflische sturmgericht mit der trilogie staat-religion-natur dann so edel in den garten ergiesst und fröhlich löset, ist ein wunder. eine freude sozusagen.

zum schlusz: was in gugux namen zum tittel des stücks führte, ist sowohl ein österreicherischer, als ein freudscher, ver(s)brecher und deshalb geradezu freundlich in sich selbst, durch sich selbst und überhaupt. du weisst, lieber franz, dass die generelle liebe gegenüber der menschheit, die sich als solche nicht einfach so einteilen lässt, schwierig ist. darum auch gibt es heuer immer mehr menschen, die alles hassen, was sich vor ihrem gartenhaag bewegt, auch vor ihrem inneren. und so lieben sie zuerst ihre verwandten bis ins siebente glied zu tode und herzlichen sie zu familienfestern, und dann haben sie nur noch den schnurrli gerne und die gartenzwerge. dabei wird wowohl schnurrli zum menschen, wie die leeren hülsen aus kautschuck oder aus billigem import-kunststoff, als abbild der menschheit (was ihr nicht schlecht steht). von dem her habe ich mehr mit den feindlichen menschen am hut. denn die menschen, schickt man sie erst einmal aufs schafott des lebens, werden hinterhältig und missgünstig. sie sind schlimm und kriminell veranlagt. [...]

[...]

herzlichst, dein steinweg

 

 

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