journal_28.06.2001

 

 

ZWEIFEL. «ich zweifle langsam daran, dass du dich wirklich in paris aufhältst.» solcherlei ketzerischen zweifel macht die schöne THEBE geltend. ich frage mich nur: ob es wirklich von belang ist, WO man ist. oder nicht vielmehr, DASS man ist. wenn schon. vielleicht weiss die ZWEIFLERIN mehr. hoffe sie liest das JOURNAL. vielleicht kann aber das folgende mehr klarheit in die sache bringen:
ALLTAKT. meine akribische beobachtung der häuser gegenüber, les nummhéros 95 et 97, hat einiges an kontroversem potential, wie sich zeigt. «dass sie in der studentenwg so dekoratief herumsitzen verstehe ich ganz gut», schreibt ein herr b. aus k. gestern, nachdem ich die beobachtung publik gemacht hatte, dass die halbwegs detektivische observierung eben dieser gegenüberliegenden studentenwohngemeinschaft nichts fruchte, ausser dass die einzelnen mitglieder immer wieder beim auf- und abhängen nasser beziehungsweise trockener wäsche zu beobachten seien. er fährt weiter: «sie [die stundenten in dieser wohngemeinschaft] werden sich nichz zu sagen haben. gerade die hoitige generation von jugendlichen, die nur profitieren will. von unserem wohlstand. dann sitzen sie rum und schlaffen aus. und sonst? eine leistung? keine. also unwichtig. was hingegen interessant ist, ist ihre selbstverständlichkeit. [...] nur auf profit aus, grüssen sie dich des morgens, heisst um viere im nachmittag, ohne ein schlechtes gewissen zu haben. das braucht mut oder dummheit.»
eben dass die jugend so dekoratief herumsitzt und von meinem reichdumm profitiert macht mich ja so wahnsinnig: deshalb hab ich spontan beschlossen, erstens kurzfristig hier in paris jeden tag bis mittax auszuschlafen und zweitens - längerfristig - mein gesamtes einkommen als spenden von der steuer abzusetzen. gibt dann eine ganz einfache steuererklärung: gesamtes einkommen minus gesamtes einkommen gleich null. will heissen: keine steuern mehr. da profitieren alle davon. ich: weil ich keine steuer mehr bezahlen muss. und die jugend: weil sie von mir leben kann. la bienfaisance superieure.
alles immer vorausgesetzt: herr b. aus k. hat richtig kalkuliert.
THEORIE. ziehtat: «... ist zum einen der hauptgegenstand einer vielzahl von mails, die das geschehen kreuzen und mitzubestimmen scheinen. zum anderen sind dem [journal] maximen und reflexionen aus den umfangreichen notizen kuhns eingefügt, von denen [der erzähler] selbst anmerkt, dass er sie irgendwo abgeschrieben haben muss. kuhn wird also durch die selektionen charakterisiert, mit denen er abstrakte sentenzen anderer auf das eigene erleben bezieht. [...]
das tagebuch ist ein spiegelndes medium, jene mails dagegen bezeichnen schicksalhafte wendepunkte des geschehens. sie sind einmal das medium der störung und verstörung. sodann erweist sich das mail als medium der realitätsvermeidung: man kommuniziert ohne etwas zu sagen. stehen einige mails im zeichen von drängen, hast und eile, so unterstehen andere einer unentschiedenen, aufschiebenden höflichkeit, die nahelegt, 'lieber nichts zu schreiben, als nicht zu schreiben'.» MABERT KOLZ, die wende in der gartenberg-galaxis. (toller science-fiction roman: muss man wirklich empfehlen. wie da die extraterrestrische grossmacht der INTERFACES sich auf die eroberung des SCHREBERGARTEN-REVIERS GARTENBERG versteift und diesen kampf bis zum bitteren ende ausficht ohne dabei die LITERATURTHEORIE zu vergessen. toll.)
FRAGEN. ich frage mich nun - selbstverständlich einigermassen beunruhigt: bin ich real? habe ich mich selbst erfunden und bin folglich derjenige, der «sich selbst erzählt»? oder: bin ich als erfindung eines dritten zu relativer selbständigkeit gelangt und reflektiere jetzt schon mein eigenes tun? wer ist der dritte, dieser erzähler? den möcht ich gerne kennenlernen. dem würd ich was erzählen.
die ausufernde - und nichtzdestotrotz grundlegende - begriffsklärung und der erstaunliche resultate zeitigende strategievergleich in sachen KUNST und WISSENSCHAFT muss ein anderes mal platz finden. arbeitztitel: PATER FELLER, biologe (bild), bespricht sich mit TIM HANKATHUS, künstler. und umgekehrt. mal sehen.

 

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