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guido piovene |
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---------- gleich am ersten abend entstand zwischen francesco und der wirtstochter eine besondere art liebe, die so einige tage andauerte und kein anderes gesprächsthema kannte als das essen und seine zubereitung. er hatte sich wieder in dem gasthaus vor der engen gasse einquartiert und kam nun jeden abend zum essen in den hühnerstall. er durfte, nachdem er gegessen hatte, seine wünsche für den nächsten tag äussern, und sie hörte ihn mit liebevollem ernst an, als lege er ihr eine schwierige frage zur erwägung vor. francesco bat sie:«ne pourriez-vous pas me faire trouver de la polenta?» und sie antwortete ihm mit einem oui, so ernst und würdevoll, als wolle sie sich selbst ihm schenken. doch nach wenigen tagen erkannte francesco, dass die ouis des mädchens ihm zu dreiviertel die taschen geleert hatten. aber in aosta zu wohnen und nicht mehr in dieses wirtshaus zu kommen hielt er für unmöglich, ja fast für unredlich. er hatte in diesen tagen ein gefühl für würde und mut gewonnen, und so entschloss er sich, einfach nach turin zurückzukehren. allein, am abend vor dem geplanten aufbruch wusste er nicht, wie er sich verabschieden sollte. er warf sich vor, die höflichkeit des gastsättengewerbes mit persönlicher zuneigung zu verwechseln. aber als das mädchen bei ihm stehenblieb, um mit ihm zu plaudern, zitterte er vor angst, dass sie schweigen könnte, weil ihm bei jeder pause des gesprächs der augenblick gekommen schien, ihr seine abreise anzukündigen, und er sich nun in der zwickmühle befand, entweder diese worte zu sagen, die ihm doch in der kehle stecken blieben, oder sie nicht auszusprechen und dafür das peinliche gefühl zu haben, ein feigling zu sein. er sprach nur gezwungenermassen, als sie ihn beim nachtisch fragte:«voyons, monsieur veut que j’achète quelque chose pour demain?» - «je pars», erwiderte er mit erstickter stimme, um nach einer pause wie jemand, der einen geliebten menschen geschlagen hat und es nun bereut und ihm wenigstens den schmerz wieder nehmen will, mit der erklärung fortzufahren, das er bestimmt im nächsten sommer wiederkommen würde. vielmehr nicht im sommer, verbesserte er sich, da ihm die vorstellung eines ganzen jahres, dessen ablauf er abzuwarten hätte, wie ein einziger leerlauf vor augen stand, nein, er wolle schon im winter wiederkommen, wie die skiläufer, aber allein. er fand, dass er wie ein guter arzt mehr verprach, als er halten konnte, um den schmerz zu lindern. sie sollten ihm also für den winter ein gutes zimmer bereithalten und ja nicht vergessen, dass auch ein schreibtisch darin stehen müsse, in der nähe des fensters. mit dieser die zukunft vorwegnehmenden einzelheit hoffte er das mädchen davon zu überzeugen, dass er wirklich wiederkommen wollte, dass er es ehrlich meinte.«wir sollten uns doch gleich», sagte er – er sagte es italienisch und vergass, dass er sonst immer aus höflichkeit französisch gesprochen hatte -«das zimmer ansehen, dass sie mir geben können.» er ging in den nebenraum und begrüsste die mutter, die dem jüngsten die brust gab, sie aber diesmal nicht vor ihm bedeckte, als gehörte er zur familie.«c’est dommage», sagte das mädchen, als sie hereinkam,«que monsieur s’en aille. on pouvait l’inviter à la fête de lundi.» auch hier musste er sich erklären: man möge verständnis haben. zum ausgleich, glaubte er, wieder von seiner geplanten winterreise sprechen zu müssen.«haben sie nicht gesagt, dass ich mir gern das zimmer ansehen kann?» noch während das mädchen der mutter den wunsch francescos mitteilte, hatte er selbst schon das gefühl einer sinnlosen komödie; es bedurfte einer willensanstrengung, um sie bis zum ende mitzuspielen. da krähte ein hahn im stall.«da haben wir die kerze vergessen», sagte das mädchen, «und nun glauben die hühner es sei schon tag!» man schickte die magd, und alsbald kam sie mit der ausgelöschten kerze zurück; sie drückte den docht zwischen daumen und zeigefinger aus, weil er noch rauchte, und sie tat es so zornig wie nach einer persönlichen kränkung. francesco ging hinauf, um sich das zimmer anzusehen, ohne rechte überzeugung, eher widerwillig und mit der furcht, sich lächerlich zu machen. was für ein andenken werde ich von dieser liebe mitnehmen? dachte er, als er das haus verliess, einen hühnerknochen? er schlief in aosta. am nächsten morgen ging er in eine konditorei, um dort seinen morgenkaffee zu trinken, denn jetzt konnte er ja sein geld ausgeben. nach ihm kamen zwei gut gekleidete junge mädchen herein; sie traten an die theke und begannen ein gespräch mit dem mann, der bediente. aus ihren worten entnahm francesco, dass die beiden zwei kleine schauspielerinnen auf tournee waren, die im schauspielhaus der stadt auftraten. er nahm sich plötzlich zusammen, da er das gefühl hatte, die mädchen mit flehenden augen anzusehen und ihnen mit den gefühlen eines bettlers zuzuhören. eine kurze frage drängte sich ihm auf: bin ich wirklich so glücklich, wie ich es in diesen tagen geglaubt habe? er fürchtete, sich doch nicht so glücklich zu finden, wie er gemeint hatte, und suchte nun nach einer bestätigung, dass er es wirklich war und dass er nicht etwa wie ein vagabund, sondern als freier mann gelebt hatte. er musste noch einmal in das wirtshaus zurückkehren, und wenn es nur für diesen vormittag war; er musste noch einmal abschied nehmen und sich seiner freiheit vergewissern, musste sich das glück dieser tage noch einmal bestätigen, bevor er aufbrach und sie seinem gedächtnis anvertraute. gegen zehn uhr machte er sich auf den weg. als er das gasthaus betrat, begann er, noch vor der begrüssung, sich zu rechtfertigen, weil er fürchtete, dass man seine rückkehr merkwürdig finden könnte. er erklärte also, ein telegramm seines vaters habe ihn veranlasst, noch ein wenig zu bleiben. kaum hatte er das gesagt, als ihm bewusst wurde, dass er sich damit verpflichtet hatte, nicht nur diesen tag zu bleiben. aber er tat so, als mache ihm das nichts aus, und liess es sein bewenden, damit haben; ja. um seinen entschluss noch zu bekräftigen, bat er um quartier in dem zimmer, das er sich am abend zuvor angesehen hatte. beim mittagessen schien es ihm plötzlich, als ob sich der nebel vor seinen blicken teilte und als ob die fragende kadenz, die ihn in all diesen tagen verfolgt hatte, ihm jetzt, indem sie verstummte, sein ziel enthüllen wollte. er quälte sein gedächtnis vergebens mit bildern von aosta, weil er dort nur unpersönliche gegenstände fand; und das zentrum, das er suchte, ohne es entdecken zu können, waren vielleicht zwei augen und ein gesicht. und da richtete sich plötzlich seine fragende unruhe auf das junge mädchen und kam in ihm zur ruhe. es gab, allein indem es atmete, indem es lebte, auf eine unzahl von fragen antwort; es war eine von anbeginn an formulierte antwort, die francesco aber erst jetzt wahrnahm. nach so vielen stunden der verworrenheit schien ihm dies die erste klare zu sein, und er suchte sie festzuhalten. das junge mädchen bemerkte sogleich, wie er sie verstohlen anblickte, mit einem blick voller liebe und scham zugleich. zum grossen teil verbrachte er die folgenden tage in seinem zimmer. ab und zu kam das junge mädchen und berichtete:« weißt du, wer jetzt gekommen ist? der jäger, der briefträger», als wohnte er seit jahren im ort und kenne alle leute. aber er kannte niemanden, und doch lächelte er bei diesen informationen glücklich. oft wenn er mit ihr zusammen war, bekam er lust zu lachen; und wenn sie sich entfernte, glaubte er, dass es ihr ebenso ging und sie sich deshalb verstecken wollte; und sich vorzustellen, dass sie lachte, genügte, dass auch er herzhaft lachte. ihre leuchtenden hellen haare hatten sich seinem blick so eingeprägt, dass er, wenn er die augen schloss, sie sah, aber gleichsam losgelöst, wie einen leichtgefiederten vogel, der lautlos schwebend im winde leuchtete. am abend stieg ein warmer nebel vom wildbach und dem bewässerten gemüsegarten herauf und hüllte das haus ein. francesco war allein und streckte sich auf dem bett aus; atmend spürte er einen anderen, weiblichen atem, der fliessend und wie musik das zimmer umgab und die ruhe brachte. in solchen augenblicken dachte er, dass er um nichts auf der welt hätte sterben mögen. seine tage standen still, und seine gedanken stockten. morgens stand sie früh auf, um, ohne dass ihre mutter es merkte, wieder in ihr bett zurückzukommen. auch er stand auf, und zusammen blickten sie durch die herabgelassenen jalousien. der weisse morgennebel bereitete eine helle dämmerung, wie eine zweite lichtquelle, über die felder; lautlos tauchten die karren aus ihr auf. er stellte sich vor, dass dieser zärtliche atem über das noch starre gras strich, sich ein wenig an den strahlen der aufgehenden sonne erwärmte und sich wie ein schleier über die wiesen breitete. auf der zum grossen sankt bernhard führenden strasse kam zuerst eine kompanie soldaten herab; francesco presste ihren ellenbogen vor freude, es besser als andere zu haben. dann kamen ein paar karren, und wenn es noch dunkel war, sah man zuerst die laterne an der deichselstange und dann die ladung wie ein aufgetürmtes gebirge, immer heller und kleiner beim nächsten. abends vor dem einschlafen hörte er aufmerksam auf das geräusch der fallenden früchte draussen, und am aufprall unterschied er, ob sie ins wasser fielen oder ins gras oder auf festeren boden. francesco stellte sich diese früchte vor, rund auf dem rechteck der wiese. dieses bild vor augen, schlief er ein. zuweilen ergriff ihn mitten in der nacht ein so übermächtiges glücksgefühl, dass er aus dem schlaf auffuhr. er stand auf und lief ans fenster. er öffnete es, als habe ihn jemand gerufen, und blickte auf einen pass zwischen zwei gipfeln gerade gegenüber. das licht der sterne legte sich zärtlich auf sein gesicht, farbiges licht, eingetaucht in den von der erde aufsteigenden dunst, ein luftig leuchtender hof. eingedenk dessen, was er gelernt hatte, erkannte er am horizont die friedlich wandelnden planeten. nach sechs tagen stellte er fest, dass er nicht mehr genug geld hatte, um seine rechnung bei der wirtin zu bezahlen. an eine rückkehr nach turin konnte er jetzt nicht ernstlich denken, als läge sie noch in weiter ferne. statt dessen schrieb er an seinen vater und bat ihn um geld um noch vierzehn tage länger bleiben zu können, und überlegte dabei, dass die ausgaben für vierzehn tage im hotel, die sein vater berechnen würde, für einen ganzen monat im wirtshaus reichen müssten. aber er brachte es nicht über sich, die antwort dort abzuwarten, wo er sich befand, es bedrückte ihn, noch mehr schulden zu machen und sich vielleicht zahlungsunfähig erklären zu müssen. deshalb entschloss er sich, mit dem wenigen, das ihm verblieben war, einen ausflug in die berge zu unternehmen, in der erwartung, dass inzwischen das geld für ihn postlagernd in aosta bereit läge. vom ausflug zurück, wollte er, nachdem er das geld abgeholt hatte, in das gasthaus zurückkommen; andernfalls würde er es mit einem höflichen brief des bedauerns, von turin aus senden. so brach er denn eines morgens nach gressoney auf, von wo aus er über den col d’olen zur höchstgelegenen schutzhütte des monte rosa hinaufstieg und dort zwei tage blieb und bei geschlossenen augen das sonnenbestrahlte weiss des gletschereises auf der netzhaut genoss. am dritten morgen stieg er zur dufourspitze auf, die der nächste gipfel war, fest entschlossen, danach sogleich nach aosta abzusteigen und zu sehen, wie das schicksal für ihn entschieden hatte. die ungewissheit beunruhigte ihn nicht weiter, so stark war sein gefühl innerer festigkeit geworden. der hüttenwart lieh ihm zwei steigeisen für seine schuhe, die zwar genagelt waren, aber ungeeignet für die besteigung eines gletschers. es war ein so klarer tag, dass die luft wie ein vergrösserungsglas wirkte; die gipfel der anderen berggruppen erschienen deutlich und fern wie durch ein umgekehrtes fernrohr gesehen. ein rosiger lichthof umgab die bergspitzen; sie strahlten erhaben, wie über der erde schwebend. aber dort, wo francesco wanderte, wehte ein sehr starker wind, ein sozusagen unsichtbarer sturm bei klarem himmel, über das eis. die erste strecke hatte er im windschatten des hangs zurückgelegt; nachdem er ihn erreicht hatte und sich nun auf dem kammweg befand, der in stufen zum gipfel führte, traf ihn die gewalt des sturms ohne deckung. er kam nur langsam vorwärts, behindert durch eine eisschicht auf dem felsen, die der wind, der den schon kräftigen sonnenstzrahlen entgegenwirkte, jeden augenblick härter machte. zu beiden seiten fiel der berg steil ab, der kammweg machte eine biegung, die man von weitem nicht sah und die so beschaffen war, dass man, um den aufstieg fortzusetzen, erst ein paar meter heruntersteigen musste. francesco klammerte sich an einen stein und liess einen fuss herabhängen; aber als er genauer hinsah, um nicht fehlzutreten, bemerkte er, dass sich das steigeisen, das für den schuh zu gross war, gelöst hatte und nur noch lose am riemen hing. er wollte das steigeisen abnehmen, bevor er den fuss ausetzte, weil sonst gefahr bestand, dass er mit dem baumelnden eisen ausglitt oder dass es sich gänzlich löste. sobald er wieder einen sicheren stand gefunden hatte, wollte er es dann fester binden. er beugte den rumpf und versuchte, während er sich mit der linken hand am felsen festhielt, mit der rechten den absatz zu fassen; da er nicht so weit reichte, machte er, mit dem arm herumfuchtelnd, alle möglichen anstrengungen, und da auch sie erfolglos blieben, versuchte er, nun den fuss der hand entgegenzustrecken. doch diese intuitive bewegung erschütterte sein gleichgewicht. er kam ins rutschen und stürzte. das, was francesco possagno nun dachte und fühlte, geschah während eines winzigen zeitraums, der vielleicht nur den bruchteil einer sekunde ausmachte. ein gedanke trat plötzlich mit so vollkommener klarheit in sein bewusstsein, als wäre er seit langem bereitgestellt gewesen und nun durch einen druck auf den knopf hochgeschnellt worden: ich werde irgendwo halt finden. es ist nichts weiter. ich werde leben. ich bin schon gerettet. sofort klammerte sich sein bewusstsein hartnäckig an diesen gedanken, so wie sich seine hände an einem felszacken festgehalten hätten. ich werde halt finden. es wird mir nichts geschehen. ich werde weiterleben. indessen stürzte er. der gedanke, an den er sich klammerte, schien sich zusammenzurollen, wie gewissen blätter sich, wenn man sie berührt, in spiralen zusammenrollen. zusammengerollt verdorrte er und fiel ab wie ein welkes blatt vom baum. francesco fuhr zwar fort, diesen gedanken festzuhalten, ja er bemühte sich, ihn immer intensiver zu denken, aber auch sein geist schien sich, ihn immer intensiver zu denken, aber auch sein geist schien sich, trotz aller anstrengung, mit ihm vereint zu bleiben, von ihm zu lösen; und während francesco diese worte inständig wiederholte, waren es schon nicht mehr seine worte, waren es schon worte wie die, die sich im kopf von guillotinierten nach seinem tode formen. sein leben war jetzt ganz in den übrigen teil seines körpers übergetreten, der sich von diesem irrigen gedanken befreit hatte und einen schreckensschrei ausstiess, den francesco nicht begriff, als er ihn hörte. denn er war wie enthauptet. es war ein schrei, der, die luft durchschneidend, anschwoll und der ihm wie das brausen des windes erschien, wie ein dröhnen, das ihm aus dem tal entgegenschlug. dies alles ereignete sich in ihm in weniger als einer sekunde; es war, als habe sich der zeitlauf verlangsamt oder das denken sich beschleunigt. francescos sturz endete auf einem vorspringenden felsen, der nicht tiefer als zehn meter unter dem punkt lag, von dem er abgestürzt war. dass er wieder zu sich kam, wurde ihm nur bewusst, weil er auf einmal wieder den satz:«ich werde weiterleben» vor sich sah, als ob er die ganze zeit an der schwelle des bewusstseins auf ihn gewartet hätte. vielleicht hätte es auch genügt, dass er ihn nur sah, weil er ihn dann wie ein spiegel zurückgeworfen hätte; aber sein geist bemächtigte sich dieses satzes gleichsam mit einem sprung, sobald er vor ihm aufgetaucht war. als er mehrmals und in allen tonarten wiederholt hatte:«ich werde weiterleben», hatte er, obwohl er nur dem inneren klang dieser worte lauschte, das gefühl, sich zu bewegen. er schwieg und hielt den atem an. als er sich vergewissert hatte, dass es stimmte, entschloss er sich, die augen zu öffnen, und erkannte, dass er gerade an schultern und füssen über die schwelle der schutzhütte getragen wurde. die raschheit seines denkens war noch die gleiche wie im augenblick seines sturzes. auf dem kurzen weg nahm er die verschiedensten und gleichgültigsten dinge mit einer ungewohnten eindringlichkeit wahr. nach dem licht zu urteilen, musste es, wie er fest überzeugt war, elf uhr sein, und doch hatte er in der vergangenheit noch nie die zeit nach dem tageslicht bestimmen können. die einzelnen phasen seines transports, das überschreiten der schwelle, das durchqueren des speiseraums, der anblick dieses oder jenes gegenstandes, schienen ihm so getrennt voneinander zu sein, dass er dazwischen genügend zeit fand, sich über jeden seiner eindrücke gedanken zu machen. denn der weg kam ihm lang vor. in dem zimmer befanden sich viele, erst vor kurzem eingetroffene ausflügler, eng um die tische gedrängt, die aber aufstanden, um ihn zu sehen, während er vorbei getragen wurde. er betrachtete das gesicht eines jeden, und er glaubte, dass es mit dem sehen allein nicht getan war, sondern dass es viele weitere fragen aufwarf, die er sich jedoch keine mühe gab zu klären: herkunft und beruf, die art zu sprechen und sich zu bewegen, lauter dinge, die er, wenn nötig, ins gedächtnis zurückrufen konnte, genau wie bei den menschen, die er kannte, den verwandten und freunden. natürlich dachte er das alles nicht so klar, und er hätte mehr in erfahrung gebracht, wenn nicht dieses kleine mädchen mit der roten matrosenmütze gewesen wäre, das sich zwischen die leute drängte und sich auf die zehenspitze stellte, um ihm ins gesicht zu sehen; es zerriss den faden seiner gedanken, es schnitt ihm den blick ab und lenkte ihn auf seine nächste umgebung. in dem kleinen zimmer nebenan, dem schlafraum, warteten die beiden männer die rückkehr des hüttenwarts ab, bevor sie francesco auf die pritsche legten. er brachte eine matratze mit, die er aus einer benachbarten hütte geholt hatte, einer unterkunft, die nur gelegentlichen besuchern diente, wissenschaftlern, die zu forschungszwecken heraufkamen. sobald francesco ausgestreckt lag, fühlte er, wie er abgetastet wurde. es verursachte ihm einen leichten, ja fast angenehmen schmerz, der einen einschläfernde wirkung auf ihn hatte. als er aufwachte, fand er sich an hüften und brust wie ein säugling fest in binden gewickelt und wusste mit sicherheit, dass wieder eine stunden vergangen war, dass es also zwölf uhr mittags war. aber vielleicht glaubte er das auch nur, weil die touristen jetzt ihre mahlzeit einnahmen. merkwürdig, dass er das sah, obwohl er sich in dem anderen zimmer befand. aber anscheinen war sein sehvermögen nicht mehr an seinen körper gebunden; es hatte ihn zurückgelassen – und das war natürlich - , wie eine frau, bevor sie ins bad steigt, die hüllen fallen lässt, ohne darauf zu achten; so hatte es sich flink und geräuschlos, an die tür zum nebenraum begeben. vielleicht glaubte er es auch nur, weil sich ihm jedes geräusch als bild mitteilte. alle linien des zimmers liefen sonderbarerweise auf den eisernen ofen zu, auf dem ein dampfender topf stand – der gegenstand, der ihm bei seinem vorbeikommen am meisten aufgefallen war; ebenso wie er den eindruck gehabt hatte, dass sich alle anwesenden um das mädchen mit der roten mütze versammelt hätten, während sie in wahrheit in einer ecke gestanden hatte. alle schwiegen, teils aus rücksichtnahme, teils aus verlegenheit. in dieser stille hörte er das geräusch von eierschlagen und unterschied (und er glaubte, es zu sehen), ob sie mit dem messer aufgebrochen oder schräg am tellerrand aufgeklopft wurden oder mit dem unteren teil am tisch; und das klappern der gabeln auf irdenen tellern oder aluminiumgeschirr; und nachdem er ihren rythmus aufgenommen hatte, wie er von mehreren gleichzeitig laufenden uhren, konnte er mit den augen jeweils auch die hand erkennen. und er hörte das knirschende geräusch der messer, wenn sie über die teller glitten, hörte, wie das wasser kochte und das holz im ofen krachte. er hörte das knistern der tüten und das scharfe geräusch, das der büchsenöffner machte wenn eine fleischdose geöffnet wurde. er spürte den widerstand, den das blech dem büchsenöffner entgegensetzte, und es beunruhigte ihn und er flehte die hand an, die anstrengung zu verdoppeln. auch das unwillkürliche scharren der füsse beunruhigte ihn, in dem sich, wie er glaubte, die unterdrückten worte luft machten. nach und nach unterschied er die menschen im nebenraum, konnte er aus der fülle der geräusche dem besonderen jeder person nachgehen. und bei jedem von ihnen bewährte sich wieder, wie bereits bei seinem eintritt, die intuitive sicherheit, dass er, wenn er nur wollte, dessen vergangenheit hätte er zählen können, nicht anders, als wären es alte bekannte. aber diese mühe machte er sich nicht. neue auflüglergruppen kamen die nichts wussten; er höret wie die türe aufgerissen wurde, und der luftzug brachte eine plötzliche explosion von stimmen – wie böen von orgelmusik auf dem platz vor der kirche, wenn jemand die tür öffnet und herauskommt. aber so wie diese orgelklänge unvermittelt wieder abbrechen, so erstarben diese stimmen, und die alte stille kehrte zurück. francesco hatte beim öffnen der tür für einen augenblick den platz vor der hütte gesehen, unter dem schnee, der in der sonne blendete; und er hatte die neuankömmlinge gesehen, ein deutsches ehepaar, er gross und dürr, sie rundlich, mit einem kleinen jungen; und zwei englische studenten. dann hatte er eine handbewegung beobachtet, mit der einer der am tisch sitzenden um ruhe bat, und jetzt sah er, wie sich seine lippen bewegten, als er den neuankömmlingen, mit einem blick in richtung des schlafraums, den grund dafür nannte. was sagt er ihnen wohl? überlegte francesco. wenn ich es hören könnte, wüsste ich vielleicht, ob gefahr für mich besteht. bei dieser überlegung erwachte er gleichsam, er spürte seinen körper wieder. und es wurde ihm plötzlich bewusst, dass der, dem er die möglichkeit, in den raum nebenan zu schauen, zuschrieb, gar nicht etwa er war, sondern der hüttenwart, der wie ein wachtposten an der tür zum nebenraum stand. wie unhöflich ich gewesen bin, dachte er, da er nun wieder zu sich gekommen war. wenigstens hätt ich etwas später kommen können, so dass sie in ruhe hätten essen können. am liebsten hätte er sich bedankt und entschuldigt oder wäre hals über kopf davongelaufen. einen augenblick war es ihm nur schmerzlich, soviel unannehmlichkeiten zu bereiten, und das schweigen, dessen ursache er war bedrückte ihn. es wäre ihm lieber gewesen, wenn sie sich unterhalten, wenn sie gelacht und lärm gemacht hätten, um ihn von diesem druck zu befreien; und er fürchtete, dass dieses schweigen aus rücksichtnahme sie insgeheim gegen ihn aufbrachte und dass sie drüben mit missmutigen, verdrossenen gesichtern herumsassen. wenn sie ihm doch wenigstens ein freundliches wort sagen, sich ihm ohne bitterkeit nähern wollten! er war schon im begriff, es dem hüttenwart zu sagen, als er plötzlich denken musste: sind diese skrupel nicht übertrieben, wenn es mein schicksal sein sollte, zu sterben? in dem fall hätten sie kein recht, sich über mich zu beschweren. also nur in einem fall brauchte er sich keine gewissensbisse zu machen, nämlich wenn er sterben musste. erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er an den tod gedacht hatte, und dieser gedanke widerstrebte ihm so sehr, dass er sich verbot, ihn zu denken; und das es feststand, dass er weiterlebte und er also so viele leute um nichts und wieder nichts gestört hatte, klammerte er sich jetzt an seine gewissensbisse wie der schiffbrüchige an den rettungsring. er argwöhnte, dass seine gewissensbisse kleinmütig, unwichtig, unbegründet seien; nun übertrieb er sie, begründetet sie und bemühte sich, sie zur verzweiflung zu steigern; als wüchse in dem masse, in dem seine verzweiflung wuchs, auch seine gewissheit, am leben zu bleiben. so viel rummel, dachte er bei sich, erregt und gleichsam innerlich schreiend, und nur besorgt, nicht laut genug zu schreien, wegen einer schramme! aber der schreie ungeachtet, wuchs seine bestürzung, so sehr er versuchte, sie zu unterdrücken. und je mehr sie zunahm, um so mehr suchte er, sie durch sein innerliches schreien zu übertönen; aber er erreichte nur, dass sie sich gegenseitig steigerten. am ende konnte er die frage nicht länger zurückhalten; sie stellte sich ihm als fertige überlegung: warum sind die leute still? sie würden doch nicht schweigen, wenn es sich nur um einen schramme handelte.«herr hüttenwart» wandte er sich an den mann an der tür,«warum bewachen sie mich? es ist nicht nötig. und warum sprechen die leute nicht? sagen sie ihnen, dass es mich nicht stört.» – jetzt, dachte er bei sich, werden sie wenigstens aus rücksicht auf mich sprechen, damit ich nicht merke, wie es um mich steht. übrigens würde es ihm schon genügen, wenn sie auch nur aus rücksicht sprachen. der hüttenwart warf einen blick in den aufenthaltsraum. «seien sie doch ruhig. es ist niemand mehr da.» «das ist nicht wahr. es sind noch alle da.» francesco hatte den eindruck, dass gerade, während der hüttenwart sprach, ein mann, die initiative für alle ergreifend, plötzlich aufstand und ans fenster trat und dass eine frau, gleichsam unter berufung auf sein beispiel, ebenfalls aufstand, um sich die hände am ofen zu wärmen. kein laut war zu hören. der hüttenwart wandte zweimal den kopf, um abwechselnd in das eine und das andere zimmer zu sehen. dann, da r sich anders nicht aus der verlegenheit zu ziehen wusste, gebot er francesco brüsk, zu schweigen. der entschiedene ton beruhigte francesco für einen augenblick; er nahm ihn für das sichere zeichen seiner rettung. doch dann schien ihm das kleine mädchen mit der roten mütze aufgestanden zu sein und etwas sagen zu wollen, aber ein blick ihrer mutter veranlasste es, sich wieder auf die bank zu setzen. «sie soll ruhig reden!» brummte er vor sich hin.«wie kann man nur ein kleines mädchen so zum stillsitzen zwingen!» ein gedanke durchzuckte ihn. wenn es doch wahr wäre, was der hüttenwart sagt? wenn sie alle aus abneigung gegen mich fortgegangen wären? wenn ich mir alles nur eingebildet hätte? aber die vorstellung des leeren zimmers, mit leeren bänken um den erloschenen ofen und den essensresten auf den tischen erschreckte ihn mehr als alles anderen. sie vermischte sich mit seiner todesfurcht. und da er nicht wissen konnte, wie es sich wirklich verhielt, schwanket er hin und her zwischen den beiden vorstellungen, der der leeren und der der überfüllten stube, und j nachdem zu welcher der beiden er sich gerade entschloss, hoffte oder fürchtete er, dass die hüttentür noch einmal aufging und neue gäste hereinkamen. vor allem aber fürchtete er feststellen zu müssen, dass alle seine gedanken fieberfantasien waren; oder auch, falls wirklich gäste in der hütte waren, diese jetzt fortgehen könnten. dann wollte er zu ihnen gehen und sie bitten zu bleiben, wollte ihnen gut zu reden und sie an die hand nehmen, um ihnen zu zeigen, wie unbegründet ihre scheu sei, weil ihm überhaupt nichts fehlte, und dass es wirklich nicht seine schuld war, wenn sie den fall so tragisch nahmen. im gegenteil, er wünschte sie fröhlich zu sehen, und wollte, dass sie mit ihm feierten. die vorstellung des überfüllten zimmers überwog, und sie beruhigte ihn, so sehr war er auf diese menschen angewiesen, um etwas zum denke und vorstellen zu haben, kurz, um leben zu können. warum kommen sie nicht hier herein, um auszuruhen, fragte er sich. wenn es nicht schlecht um mich stünde, würden sie mich nicht allein lassen. eine weile lebte er in der hoffnung, jemand könnte hereinkommen, sich ausstrecken und rücksichtslos die schuhe von den füssen streifen und in eine ecke schleudern, ihm stumm den rücken zuwenden wie irgendeinem andern auch. aber als er merkte, dass er umsonst wartete, wurde er böse auf den hüttenwart, der es nicht verstand, sich für ihn einzusetzen. aber dann sah er die sache wieder anders. es ist ausgeschlossen, dass die leute deshalb nicht hereinkommen, weil mein zustand ernst wäre. denn gerade dann würden sie sich verstellen, um mich nicht misstrauisch zu machen. alle würden hereinkommen, um ein wort mit mir zu reden, und wären bemüht, mir ein normales gesicht zu zeigen. –«hüttenwart», begann er von neuem,«ich fürchte, diese herrschaften könnten gehen, bevor ich aufstehe. lassen sie sich bitte ihre adressen geben, damit ich mich bei ihnen, sobald ich wieder schreiben kann, wegen der unannehmlichkeiten entschuldige, die ich ihnen bereitet habe.» der sinn dieses satzes war es, die worte«sobald ich wieder schreiben kann» auszusprechen und sich, indem er sie aussprach, ihrer wahrheit zu vergewissern. bald darauf verband ihn der hüttenwart noch einmal und sagte ihm, dass der arzt am nächsten morgen aus alagna kommen würde. jetzt kam es ihm so vor, als ob die leute im nebenraum sich allmählich an die situation gewöhnten und sich etwas unbefangener bewegten. er glaubte, die ersten worte zu hören, die sich, zunächst noch abgerissen und scheu, am ende zu sätzen verbanden. wenn er auch nichts verstehen konnte, rührte es ihn doch, denn es erinnerte ihn an die abende zu hause, als er noch klein war, wenn es zeit geworden war, dass er zu bett gehen musste, sein vater aber nichts sagte. er sah ihn ängstlich an, in der hoffnung, der vater hätte nicht gemerkt, wie spät es schon war, und liesse ihn noch länger aufbleiben. aber gerade an einem verstohlenen blick bemerkte der vater, wie spät es wirklich war. er schlief ein. als er erwachte, schien der morgen anzubrechen. niemand schien in der hütte zu sein, aber er hatte keine angst. das junge mädchen aus aosta stand vor ihm; er bemerkte es erst nach einer weile. sie stand draussen auf der terasse vor der schutzhütte und sah dem sonnenaufgang zu. er selbst befand sich nicht mehr in der hütte, sondern dem mädchen gegenüber, wie in der luft schwebend, gerade vor der terasse. unten lag aosta, und wenn er auch nicht hinunterblickte, sah er es doch auf eine von den augen unabhängige weise: ein leuchtendes aosta, wie die projektion einer laterna magica auf eine nebelwand oder wie eines dieser gebilde, die in einem gemälde die gedanken einer der dargestellten personen versinnbildlichen sollen. er sah nur die junge frau an und wollte sie etwas fragen. hinter ihr war die hütte, von blauem himmel und von flammenden wolken umrahmt, deren widerschein ihrem gesicht farbe lieh. als er sie so starr ansah, fühlt er eine solche nähe, dass er meinte, in ihren grossen aufgerissenen, tränenlosen augen, in denen sich still die leuchtende morgenröte spiegelte, zu ertrinken. sie zählte die berge gegenüber auf. «was für eine freude!» sagte francesco possagno. «ich bin frei. ich bin glücklich. wann werde ich genesen sein? kann ich dich morgen besuchen?» bei jedem seiner worte verlor die erscheinung an kraft, und immer rascher nickte sie ihm zu, zum zeichen der bejahung.
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