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Parallelöffentlichkeiten PÖF

Von Thomas Erdelmeier

 

Zu Beginn stellt sich die Frage nach den konstitutiven Bestandteilen, den Grundvoraussetzungen von Öffentlichkeit im Allgemeinen, dann im weiteren Sinne, wie der Begriff PÖF hier im Speziellen Verwendung finden soll.
Der Begriff der PÖF meint erst einmal nichts anderes als daneben, zusätzlich, zufügen. Sie existieren neben den öffentlichen Medien. Der vorliegende Text ist ein Versuch, der an verschiedenen Orten sich abzeichnenden Entwicklung hin zu selbstorganisierten Mikroöffentlichkeiten Rechnung zu tragen. Es soll allerdings nicht nur ein urbanes Phänomen diagnostiziert werden. Der vorliegende Text ist auch als Verstärker der im Ansatz schon vorhandenen Phänomene konzipiert. Der Aufrufcharakter des Textes, der sich eher am Entwurf der Rede orientiert, als journalistisch Bericht zu erstatten, ist beabsichtigt.
Im Zentrum jener vorgestellten PÖF stehen die interagierenden Teilnehmer und deren primäres Kommunikationsvehikel: Das Sprechen und die Wahrnehmung der Differenz des Anderen. Und davon soll zunächst die Rede sein. Grundsätzlich sind PÖF nicht mit den Medienöffentlichkeiten zu verwechseln. Sie definieren sich nicht im negativen Verhältnis zu etwas (etwa als Gegenöffentlichkeit), sondern produzieren etwas, nämlich interne Kommunikation. Wir kennen von den öffentlichen und privaten Medien nur die alte Struktur: Die monarchische «Sender sendet und der Empfänger hat zu empfangen-Schaltung (wenn der Empfänger redet, kann niemand darauf antworten, da der Rückkopplungskanal fehlt).

 

Die Teilnehmer, die das Kollektiv bilden, werden selbst zum Medium. Daraus ergibt sich die Möglichkeit zirkulärer Kommunikation. Öffentliche Medien dagegen inszenieren uns, unser Privates/Selbst ist Inszenierung geworden, als das öffentliche. Eine perfekte, allerdings perfide Form der Mimesis. Auch die scheinbare Freiheit der unterschiedlichen Konsumtionen erlöst nicht vor der vorgekauten «öffentlichen Meinung» und schleust den Endverbraucher weiter in den Strudel eines nur reaktiven Verhaltens ein. Die entstehenden Kommunikationen innerhalb der PÖF sind nicht übertragbar auf andere Medien: Wenn sie als SENDUNG übertragen würden, entstünde etwas anderes daraus. Die übertragende Sendung hat nichts mit der Rede in der PÖF als Ereignis zu tun. Das Ereignis der gemeinsamen Rede ist nicht determiniert und somit bleiben Ziel und Ausgang unvorhersagbar.
Vitale, interaktive PÖF tragen den Charakter des Gemachten, insofern als die Bedingungen der Übereinkünfte und die daraus resultierenden Konventionen immer wieder neu definiert werden. Die Öffentlichkeit, die dabei entsteht, ist niemals eine gegebene, ihr konstitutiver Bestandteil vielmehr ein prozesshaft partikulärer. Öffentlichkeit ist nicht schon a priori gegeben, man/frau muss sie herstellen. Mediale Übertragungen können nicht abbilden, was sich ereignet hat, es sei denn der Abstraktionseffekt der Übertragung sei willentlich herbeigeführt und als eigenständige Grösse anerkannt.
Aus der Teilnahme entsteht die Konstitution des SELBST oder wird zumindest in Aussicht gestellt. Die Möglichkeit, dass du von einer Öffentlichkeit betroffen bist, erschliesst sich indem DU zu einem Teil des Prozesses wirst, der diese Öffnung mit bedingt. Das SELBST entsteht nur in Bezug auf andere, in der nicht mediatisierten Wahrnehmung DES ANDEREN. Das SPRECHEN wird zum unübertragbaren Ereignis in sich selbst. In dem Moment, in dem das Sprechen in einem anderen Ohr gehört wird, spricht das SPRECHEN mit anderer, heterogener Stimme weiter. Das Hören ist die Reproduktion des Sprechens des Anderen, welches mit heterogener Stimme weitergeleitet wird, bei gleichzeitiger, ernährender Zuhörerschaft. PÖF stehen in direktem Bezug zu performativen Sprechakten; es ist ein Sprechen im Akt, ein Sprechen, das seinen Inhalt nicht als Vorgegebenes zu wiederholen behauptet, sondern als eigenständige Handlung hervorbringt. Die Chance, die die PÖF jedem Teilnehmer eröffnet, ist die Möglichkeit, in der Rede neue Gedanken und Formulierungen zu entwickeln, was man als SPRECH-DENKEN bezeichnen kann. Eine Verknüpfung von Denken und Sprechen als ein Denken während des Sprechens, kurz eine PRODUKTIVE VERGESELLSCHAFTUNG der beiden Akte, die durch nichts ersetzt werden kann. Das Sprechen kann von ohrenbetäubendem Rauschen unterbrochen werden, das auch das kontinuierliche Selbstwerden stört, wenn nur noch von Sendern empfangen wird, oder alle Sender werden wollen. Störendes Rauschen tritt also dann auf, wenn die an der Kommunikation Beteiligten nicht mehr ÜBER die Art und Weise ihrer Kommunikation sprechen können.
Zwischendrin eine Randbemerkung: Das interaktive Fernsehen ist kein Ausweg aus dem Dilemma, weil die ontogenetische Setzung des ursprünglichen Senders unangetastet bleibt, genauso verhält es sich bei allen weiterführenden interaktiven neuen Medien, - das Programm, das reagiert ist, nun mal vorprogrammiert.

- Kommunikation? -
Zur Definition des hier verwendeten Begriffes Kommunikation: Um einem alten Irrtum vorzubeugen, ist mit Kommunikation nicht der Tausch von Informationen gemeint, der mit dem Bild der Röhre korreliert, durch die einfach Informationen, gleichsam als Substanz verstanden, vom einen Ende zum anderen der Röhre und umgekehrt gesendet werden können. Das ist genau der Moment, in dem Information mit dem durch die Kanäle geschickten Signal verwechselt wird. Information kann es nicht an und für sich geben. Sie wird erzeugt, wenn eine Wahl getroffen wird, und ist letztendlich abhängig von demjenigen, der die Wahl getroffen hat. Wer kann frei wählen? Wenn wir gruppeninterne Kommunikation beschreiben möchten, kämen wir mit dem Bild der Röhre nicht weit. Was und wie Kommunikation in der Gruppe passiert, ist eine black-box; die zirkulären Verhältnisse der Teilnehmer zueinander bezeichnen wir als Kommunikation. Über das geläufige Dialogmodell als Meinungsaustausch unter Gesprächspartnern lässt sich keine zirkuläre Kommunikation denken. Am Ende jenes vorgestellten Dialogs hat jeder dem anderen die Meinung gesagt und basta! Auf der Suche nach einer alternativen Erklärung könnten wir eine andere Vorstellung setzen: «... als Metapher für die Interaktion zweier Subjekte ansehen, deren Interaktion dann und nur dann als kommunikativ anzusehen ist, wenn jeder der beiden sich durch die Augen des anderen sieht. Beachten Sie, dass in dieser Sehweise der kommunikativen Fähigkeiten, Begriffe wie Übereinstimmung und Konsens nicht auftreten und vor allem auch nicht erscheinen müssen. Und so soll es auch sein, denn damit Konsens und Übereinstimmung überhaupt erreicht werden können, muss es Kommunikation bereits geben. Diese Begriffe können jedoch sehr wohl im Vokabular eines Beobachters auftreten, der ja ausserhalb der rekursiven Schleife steht und die kommunikativen Interaktionen zwischen den beiden Subjekten beobachtet und der keine andere Erklärungsmöglichkeit für deren aufeinander abgestimmtes Verhalten hat.» (Heinz von Foerster, Wissen und Gewissen)

- Zwischen den Stühlen -
«Die Linie zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit geht mitten durchs Haus. Die Privatleute treten aus der Intimität ihres Wohnzimmers in die Öffentlichkeit des Salons hinaus; aber eine ist streng auf das andere bezogen», (J. Habermas, Strukturwandel der Öffentlichkeit). Dieses Aufeinander Bezogensein erfüllte noch eine wichtige, die beiden Bereiche miteinander verbindende Scharnier-Funktion. Hier ist die Rede von der idealen, bürgerlichen Öffentlichkeit mit ihren zwischen Staat und Gesellschaft vermittelnden Öffentlichkeiten wie Vereine, regierungsunabhängige Organisationen, freiwillige Gruppierungen, soziale Bewegungen, etc.. Können wir unser >Betriebsystem<, wenn diese Bereiche weiter wegfallen sollten, noch Demokratie nennen? Der Politologe Benjamin R. Barber hat dazu scharfsinnige Anmerkungen gemacht: «Denn es gehörte zu den Tugenden der bürgerlichen Gesellschaft, dass sie mit der Regierung ein Gefühl für Öffentlichkeit und Respekt vor dem allgemeinen Wohl teilte, aber dennoch (im Unterschied zur Regierung) nicht den Anspruch auf das Monopol an legitimer Gewalt erhob. Stattdessen blieb sie ein freiwilliger «privater» Bereich, der öffentlichen Gütern gewidmet war. Die bürgerliche Gesellschaft ist jener Bereich, der potentiell zwischen Staat und privatem Sektor vermitteln kann, zwischen der fanatischen Identität eines exklusiven Stammes und der erschöpfenden Identität des einzelnen Verbrauchers, zwischen Dschihad und Mc World. Denn sie bietet Frauen und Männern einen Raum für Aktivitäten, der zugleich freiwillig und öffentlich ist; einen Raum, der die Tugenden des privaten Sektors - Freiheit - mit den Tugenden des öffentlichen Sektors - Sorge für das allgemeine Wohl - vereint. Die bürgerliche Gesellschaft ist also ein Aufenthaltsort, der weder dem Lagerfeuer des Stammes noch einem Einkaufszentrum gleicht; sie fordert uns auf, weder für unsere politischen Meinungen noch für unsere Wünsche als Verbraucher zu stimmen, sondern miteinander in der Sorge um gemeinsame Anliegen zu interagieren. Sie teilt mit dem privaten Sektor die Segnungen der Freiheit, sie ist freiwillig und durch frei assoziierte Individuen und Gruppen konstituiert. Aber im Unterschied zum privaten Sektor zielt sie auf gemeinschaftliche Themen und kooperatives Vorgehen. Die bürgerliche Gesellschaft ist somit öffentlich, ohne Zwangsmittel einzusetzen, freiwillig, aber nicht privat».
Die Frage, die sich uns stellt: Inwieweit sind die traditionell auseinandergehaltenen Bereiche heute noch sauber voneinander zu trennen und was ist aus dem vermittelnden Zwischenbereich Öffentlichkeit geworden? In verschiedenen Lebensbereichen vermischen sich die beiden Sphären; Werbung und elektronische Bilder sind im privaten Zuhause genauso präsent, wie sie den allgemeinen Stadtraum in Beschlag nehmen und in fast alle Bereiche der Gesellschaft drängen. Auch mit den immer weiter getriebenen, deterritorialisierten Firmenstrukturen (z.B. die Verlegung des Arbeitsplatzes über Computernetze ins eigene Heim) ist eine weitere Phase der Grenzverschiebungen privat-öffentlich im Gange. «Es taucht ein ganz anderer Pol des Staates auf, den man summarisch etwa so definieren könnte: Der öffentliche Bereich charakterisiert nicht mehr die objektive Natur des Eigentums, sondern ist vielmehr das gemeinsame Mittel einer privatisierten ANEIGNUNG; das führt zu Mischformen von Privatem und Öffentlichem, die für die moderne Welt charakteristisch sind.

- Die Bindung wird persönlich. -
Beziehungen innerhalb eines Gemeinwesens werden durch persönliche Abhängigkeitsverhältnisse unter Eigentümern (Vertrag) und zwischen Eigentum und Eigentümern (Abkommen) ergänzt oder ersetzt.» (F. Guattari/G. Deleuze, Tausend Plateaus - Kapitalismus und Schizophrenie). Zusätzlich zeichnete sich eine andere Tendenz ab. Der real existierende Stadtraum, immer noch eine mögliche Form urbaner Öffentlichkeit darstellend, wird grossen Unternehmen und deren Profitinteressen gebrauchsgerecht zur Verfügung gestellt. Das Öffentliche hat sich privatisiert. Öffentlicher Raum wird von privaten Trägern okkupiert. In der Folge der beschriebenen Veränderungen bringt die über elektronische Medien laufende Kommunikation, was irrtümlich mit Öffentlichkeit (im Unterschied zur mediatisierten Öffentlichkeit) verwechselt wird, eine weiter fortschreitende Fiktionalisierung menschlicher Kommunikation mit sich und bestimmt darüber hinaus die Vorstellung in unserer Gesellschaft mit, was Öffentlichkeit überhaupt sei. Welche Möglichkeiten nichtmediatisierter Öffentlichkeit, die auch unterschiedliche Milieus erreicht, sich nicht von der Gesellschaft abschottet, könnte es geben? Wie lassen sich PÖF einrichten?
PÖF könnten als auf Projekte bezogene, temporär umgenutzte Zonen verstanden werden, deren Existenz allerdings nicht nur von dem speziellen Ort, an dem sie sich ereignen, abhängt. Der Mehrwert, der in solcherart benutzten Räumen produziert wird, sind Kommunikationen, die nicht in hermetischen Welten verkapselt unzugänglich sind, sondern offen/öffentlich gehalten werden müssen. Einem generellen Prozess der Transparenz vergleichbar, ist offener Zugang von Aussen erklärtes Ziel. Alle Mikroebenen, alle intern zirkulierenden Inhalte und Ereignisse schliessen die partizipierende Mittäterschaft der Produzenten mit ein und das Einverständnis jedes Einzelnen, die Darstellung eigener Positionen nach aussen transparent machen zu wollen. Selbstreferenz und Transparenz werden zu entscheidenden Kriterien. So gesehen ist die Rolle die jeder einzelne >SPIELT< sowohl untereinander öffentlich als auch auf eine externe Öffentlichkeit ausgerichtet. Von diesem Punkt aus wird die Möglichkeit eröffnet, die ausschliesslich produktbezogene kulturelle Produktion (die Kunstware) um eine nicht zu unterschätzende andere Produktion zu bereichern. Aus Konsumenten werden Produzenten von Kommunikation; die Vergesellschaftung von Subjektivierungsprozessen kann in Aussicht gestellt werden. «Nicht das Gespräch >über< Kunst ist das entscheidende, sondern die Kommunikation die >durch< Kunst möglich gemacht wird.» (Niklas Luhmann, Die Kunst der Gesellschaft) Es ist fraglich, ob die alteingesessenen Institutionen noch dieser Funktion gerecht werden können oder diese Funktion ganz einfach nur simulieren. Eine der intendierten Absichten, deren Einlösung sich nicht in der programmatischen Forderung erschöpft, wäre, wenn aus der Projektstruktur heraus ein soziales Gefüge aufgrund systemimmanenter Selbstläufer entstünde, dessen weiterer Verlauf sowie Ende und finale Absicht nicht voraussagbar blieben. Kurz: Ein Konzept transformiert zum Prozess. Die PÖF stellen einen selbstorganisierten Bereich zwischen Staat und privater Unternehmenskultur her. Das Interessante daran ist, dass sie, obgleich sie differenzierend wirken, einander nicht unbedingt ausschliessen. PÖF die ein Milieu um sich gebildet haben, artikulieren und vernetzen sich untereinander. Dadurch potenziert sich auch ihre Chance, neue politische Handlungsoptionen zu entwickeln und durchzuführen. Vielleicht ist eine einfache These politisch wirksamer als es zunächst scheint: Etwas umsonst zu bekommen, macht viel glücklicher, als etwas tauschen zu müssen. Dazu eine Randbemerkung: Die Lösung im Sozialismus zu suchen, wäre nur die andere Seite derselben Medaille, da er letztendlich denselben Begriff von menschlicher Arbeit hat. Ob die Produktionsbedingungen dem Volke oder dem Kapitalisten gehören, verhält sich strukturell demnach ähnlich, und die Frage nach dem, was Produktion überhaupt ist bzw. sein kann, bleibt ungefragt, die beiden übergeordneten systemischen Determinanten Profit oder Revolution als Dilemma unhinterfragt.

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Sprechen ist Aktivität innerhalb der PÖF und impliziert eine synchrone Metakommunikation, also Kommunikation über Kommunikation. Mit der Kategorie der «Produktivkraft Kommunikation» (Habermas) liesse sich auch im Bereich des Kunstbegriffs eine Veränderung vornehmen, genauer, innerhalb dessen, welches man als künstlerische Praxis und den daran anknüpfenden Produktionsbegriff zu bezeichnen gewohnt ist: «Wenn man dennoch die moderne Kunst im Vorfeld der amerikanischen oder amerikanisierten Konzeptkunst neu überprüft, bleibt das Kriterium der Information als Bestandteil eines künstlerischen Paradigmas, das aktualisiert werden kann, relevant. Dieses Paradigma, das sich in den 20er Jahren konstituierte, verknüpft «Aktivität-Information-Disput» eng miteinander, ohne dabei ein bestimmtes Moment der künstlerischen Erfahrung zu fetischisieren. Und (das ist das Entscheidende) es bildet eine Alternative zu herkömmlichen Definitionen von Kunst durch die paradigmatische Kette (geschlossenes, vollendetes) «Werk-Präsentation-Kommentar».» (J. Chevrier - Catherine David). Zu dem Paradigma Aktivität-Information-Disput wäre noch anzumerken, dass die Vorstellung vom künstlerischen Werk seinen ausschliesslich autonomen, bedingten Charakter eintauscht zugunsten einer Öffnung des hermetisch mit sich selbst beschäftigten Kunstsystems hin zur prozesshaften Verknüpfung des Kunstsystems mit dem Aussen anderer Subsysteme. Das Postulat der Autonomie fungiert als Trennungslinie in unseren Gehirnen und so wird gerade in der Behauptung der Autonomie zugegeben, dass sie eine sprachliche Aussage und von dieser abhängig, eine FIKTION ist. Eine neue-alte Fiktion entsteht, dass die Öffnung des Kunstsystems in ein sozial zirkulierendes Geflecht sich selbst unter Mitwirkung von Aussenstehenden organisieren liesse. Aus der PÖF könnte eine neue Art von UNTERNEHMEN werden, welche sich von Dienstleistungsunternehmen üblicher Art unterscheidet, weil SIE niemanden bedienstleistet, der nicht zum Betrieb gehört, bzw. es gibt keine Bedienstleisteten. Statt der zu Bedienstleisteten, denen ein Dienst verkauft wird, gibt es Gäste, die eine Gabe, wenn sie sich darauf einlassen wollen, geschenkt erhalten. Der Transfer verläuft nicht auf der Schiene «Geben und Nehmen», du gibst und bekommst etwas dafür. Die Gabe muss logischerweise umsonst sein (nur das Museum/Galerie ist der traditionelle Ort, an dem du «etwas» umsonst bekommst). Eine Gesellschaft, die ein Geben dieser Art nicht erschliesst, den TAUSCH ausschliesslich unter das Primat des allgemeinen Äquivalents stellt, ist potentiell von der Tyrannei global expandierender Privatiers bedroht. Regressive Tendenzen, wenn wir uns in unseren zukünftigen Arbeitsverhältnissen wieder als Leibeigene eines anderen fühlen müssten. Wir sollten erneut «Der Fürst» von MACCHIAVELLI lesen.

- Drehtür -
Die PÖF als in sich geschlossenes System kann nur mit einem externen System kommunizieren, wenn sie sich in einer, welcher auch immer, ästhetischen FORM konkretisiert, die das kommunikative Verhältnis beider Systeme zueinander bestimmt. In diesem Zusammenhang kann Kunst als Bedingung der Öffnung nützlich sein und in Kunstprojekten in Erscheinung treten. Die spezielle Art und Weise der vermittelnden Form, ohne dies kein Aussen focussierbar wäre, ist die DREHTÜR nach aussen, das, worauf Bezug genommen wird und was hereinkommt. Der aussenstehende Beobachter - oder nennen wir ihn GAST - kann zwischen der gruppeninternen Bedeutungssphäre, an der er wahlweise partizipiert, und einer externen Beobachterposition, ob er das Ganze noch für Kunst halten soll, wählen. Das Angebot an potentielle Gäste bewegt sich zwischen Aussen- und Innenperspektive, bzw. vermischt in irritierender, doppelcodierter Weise die klare Abgrenzung der Betrachterverhältnisse. Durch die Mischung beider Perspektiven scheint jede Äusserung innerhalb der PÖF sich privater Abkapselung zu entheben und transformiert zu mehrdimensionalen, komplexen Zeichen ohne singuläre Autorenschaft. Die ästhetische Form ist der RAHMEN, konstituive Bedingung für die nach aussen herzustellende Öffentlichkeit. Der RAHMEN lässt die Öffnung von an sich systemimmanent Verschlossenem zu, ganz gleich, ob damit singuläre Subjekte oder gesellschaftliche (Sub)Systeme gemeint sind. Die Form ersetzt allerdings nicht das prozesshaft sich ereignende Sprechen innerhalb der PÖF.

- Verstärker als Medien -
Die Teilnehmer könnten als HÄRETIKER bezeichnet werden (gr. -hairesis «wählen» im Gegensatz zum Renegaten, renegare, lat. «ablehnen»). Werdet selber Medien, was nicht meint, dass jeder Sender werden soll. Gründet Zirkel, Redeclubs, radikal demokratische/esoterische Kreise, interdisziplinäre Netze, systemübergreifende Sozialgeflechte, Vereine zur Förderung allgemeiner Subjektivierungsprozesse, kurz PÖF. Überall, wo ihr könnt, und mit den Mitteln, die euch zur Verfügung stehen. Wartet nicht, wenn es heute noch möglich ist, und glaubt nicht, dass es irgendwann den richtigen Moment geben wird. Der HYSTERIKER ist heilig. Leider aus der Mode gekommen. Aus unbewussten Angstneurotikern werden meist nur Kleingärtner und Buchhalter. Nützt ohne grossen Kapitalaufwand jede schon vorhandene Möglichkeit zur Realisation. Vergesst die alte, systemimmanente Dichotomie zwischen privat und öffentlich und lasst euch nicht von einer einfachen Verdrehung der beiden täuschen. Es ist nicht damit getan, all jene Tätigkeiten, die ehemals privat waren, einfach, wie auch immer, ins Öffentliche zu exhibitionieren. Auf deine Exkremente warten schon die grossen Sender.

- Subplantate -
PÖF sind niemals durch sich abschottende Individualität geprägt, sondern durch offene Formen des Zusammenfindens und Gemeinsamseins. Sie subplantieren sich in sehr unterschiedlichen sozialen Systemen, d.h. der kontextuelle Rahmen der PÖF ist nicht auf einen speziellen Topos begrenzt. Der parasitäre Charakter und sein Verhältnis zum Wirt ist nicht von der Hand zu weisen, denn die Art und Weise, wie der Tausch betrieben wird, vor allem Dingen WAS getauscht wird, entspricht nicht dem Gesetz des allgemeinen Äquivalentes (GELD) und die daraus entwickelten Gesetze den der allgemein anerkannten Tauschverhältnisse.

- Vor Ort -
Es geht mit einer These weiter: High-level Kulturniveau verlangt Kompatibilität auf der internationalen Kunstmarktebene. Gefördert und gefordert werden hauptsächlich solche Produktionen, die diesen Anforderungen entsprechen. Was ist mit der internationalen Weltmarktkompatibilität gemeint? Einmal könnte von der Einschränkung der durch die Kunst behandelten Themenauswahl die Rede sein. Eine sich zu sehr auf das Lokale, sich auf ein beschränktes Territorium plus temporär begrenzte Dauer einlassende künstlerische Praxis, mit klarer Ausrichtung auf den Ort, an dem sie sich ereignet und operiert, ist schwer oder gar nicht auf dem internationalen Kunstmarkt zu verkaufen. Kunst, die offiziell durch die amtlichen Institutionen erhoben wird, den Durchlauferhitzer Museum passiert hat, erreicht die Würde einer Aktie. Dazu kommt die Einschränkung der Sprach- und Ausdrucksmöglichkeiten, welche bis hin zur formalen Ausführung Einfluss nimmt, auf das Mass einer international verständlichen Norm. Als persiflierende Formulierung in Gedanken an Adorno könnte man sagen: Die normative Kraft des Faktischen, des internationalisierten Kunsthandels, bestimmt die künstlerische Form mit, d.h. die Sprache, die gesprochen wird, sollte am besten überall verständlich sein. Das dabei herausgesprungene kulturelle Kapital, dem allgemeinen Äquivalent strukturell gleich, bestimmt die Inhalte dessen, was getauscht wird, und die damit verknüpften, weitgehend von lokalen Orientierungen losgesagten Kommunikationen. Es ist logischerweise nicht der Marktplatz, der den Tausch bestimmt, sondern in seiner Funktion das immer flüssiger werdende Kapital, welches durch seine extreme Mobilität, - heute hier, morgen dort - niederlassend Märkte und Standorte (ab)schafft. Angesichts des oben kurz beschriebenen Prozesses der immer stärker werdenden wirtschaftlichen Globalisierung ist anzunehmen, dass lokale Orte als Thema auch in der Kunst immer wichtiger werden. Und genau das könnte in der Öffentlichkeit, von der hier gesprochen wird, passieren.

- Eine Parallelöffentlichkeit ist kein privater Freundeskreis. -
Eine PÖF setzt nicht die persönliche Freundschaft einzelner Teilnehmer voraus. Aus verschiedenen Klassen herkommend, kann sich eine PÖF hin zu einem Milieu entwickeln. Das Milieu kann nicht durch eine Reihe von Spezialisten geschaffen werden, die von blossen Fachbedürfnissen ausgehen und ihre Meinungen gegeneinander aushandeln. Die spezifische Art und Weise, der Öffentlichkeit innerhalb der PÖF ist auf die Möglichkeit interdisziplinärer und klassenübergreifender Vernetzung gegründet. Dass dies kein leichtes Unternehmen ist in unseren immer weiter ausdifferenzierten Subgesellschaften, dürfte auch klar sein. Aber der REAL/WUNSCH ist da, das eigene Sozialghetto zu durchbrechen. Aus der Geschichte kennen wir zwei beispielhafte Modelle für Räume innerhalb derer dies möglich war - den Salon und das Caféhaus. Das Caféhaus, im Unterschied zu dem Aristokraten vorbehaltenen Salon, war der Ort an dem die «freie Unterhaltung zwischen Menschen von ungleichem Rang stattfinden konnte. Das Ergebnis war eine soziale Fiktion: die Menschen taten so, «als ob» die Unterschiede zwischen ihnen - für einen Augenblick - nicht bestünden.» (R. Senett, Tyrannei der Intimität). Dennoch könnte der Salon in anderer Form als Modell benutzbar bleiben. Innerhalb der Zusammenkünfte war Kommunikation bei gleichzeitigem Respekt vor der Individualität jedes Einzelnen in ungezwungener Weise gewährleistet, ohne  dass sich irgendeine externe Gesetzgebung hätte einmischen können. Die einzelnen Gruppen werden nach Anziehung gebildet. Sie lösen sich stets wieder auf und bilden sich auf die gleiche subtile und alles durchdringende Weise wieder neu. Zwanglose Interaktion, Offenheit für Themen und Beiträge, Revidierbarkeit der Ergebnisse sichert eine der Konversation günstig gestimmte Atmosphäre. Von der demokratischen Mehrheitsentscheidung abgrenzend, kann es sich eine solche Mikrogesellschaft leisten, dass sie sich durch einen immer wieder neu zu besprechenden Konsens selbst reguliert, der so lange zur Diskussion stehen bleibt, bis jede und jeder Einzelne für sich hat akzeptieren können, was beschlossen wurde. Das eine kleine Mikrogesellschaft nicht einer gestrengen, starren, verhärteten Übercodierung zum Opfer fällt, - dafür sollte immer eine Tür geöffnet bleiben: Das mehr oder weniger geschlossene System einer PÖF differenziert sich in dem Moment aus, wenn sich jemand nicht so verhält, wie er eigentlich «sollte», sondern wie er (selbst) will, und dadurch ein Klima schafft, in dem NEUES entstehen kann.

 

 

Parallelöffentlichkeiten PÖF, von Thomas Erdelmeier erschien im Juli 2002 als Beitrag zum Projekt Urlaub (http://www.wortwerk.ch/urlaub) Copyright beim Autor und wortwerk

 

 

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