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Christof Salzmann (fuzzy-space.de) im Gespräch mit Thomas Erdelmeier

 

1996 führten in Frankfurt «Überlegungen zum Verhältnis von Kunstproduktion und Stadt», zu der Ausstellung «Etwas Besseres als den Tod findest du überall». Die Kurator/innen Thomas Erdelmeier, Brigitte Franzen, Manfred Schneider entwickelten aus ihren persönlichen Interessen an dem Lebens- und Wirkungsort «Stadt» ein künstlerisches Forum zur kritischen Auseinandersetzung mit Fragen zu Produktionskontext und Öffentlichkeit. Im Katalogbeitrag von Thomas Erdelmeier entwickelt er die Idee von Parallelöffentlichkeiten (PÖF). Die Idee der PÖF diente in der Folge auch als Grundlage zu einer Gesprächsreihe, die unter dem Label «Das Seminar» in Frankfurt stattfand und an der Thomas Erdelmeier beiteiligt war.

 

«Der Reiz des Seminars liegt gerade in seinem unthematischen So-Sein und Dabei-Belassen von vielfältigen Artikulationen (auf den Bändern zischt auch die Kaffeemaschine und dudelt die Hintergrundmusik).»
Stefan Beck, «Das Seminar», 10.01.1997, Café Wacker

 

Im Mai diesen Jahres führte fuzzy-space.de ein Gespräch mit Thomas Erdelmeier über die Aktualität von PÖF.

 

fuzzy-space: In deinem Textbeitrag zum Katalog der Ausstellung «Etwas besseres als den Tod findest du überall» 1996 in Frankfurt sprichst du von Parallelöffentlichkeiten, kurz PÖF. Du sprichst in diesem Zusammenhang von einem offenen Forum, bei dem der kommunikative Prozess gleichzeitig auch das Produkt ist. Der Mehrwert dieses Produkts ist für dich Kommunikation. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe «Seminar», ein als PÖF organisiertes Forum, das sich u.a. auch mit Fragen der Öffentlichkeit auseinandersetzte, hast du praktische Erfahrungen gesammelt. Wie verhält sich die Beziehung von Offenheit, öffnen und Öffentlichkeit bei den PÖF?

Erdelmeier: Das Protokoll des Seminars hat Stefan Beck ins Netz gestellt und somit eine medial vermittelte Öffentlichkeit hergestellt. Was aber nicht die Kommunikation ist, die ich eigentlich meine. Unter öffnen verstehe ich, dass man mit seiner Idee über diverse Medien an die Öffentlichkeit geht oder seine Anliegen mündlich vermittelt. Dass man das auch Leuten erzählt, die man vielleicht gar nicht so gut kennt, die man sich aber als Gesprächspartner in so einem Kreis gut vorstellen kann. Und dass die dann, wenn sie interessiert sind, dazukommen und wieder andere Leute ansprechen. Da könnte sich so ein Schneeballeffekt entwickeln. Offen bedeutet, dass es keine Klassengrenzen gibt und es nicht darum geht, wer aus welchem Milieu kommt.

fuzzy-space: Wie sind solche Veranstaltungen abgelaufen? Du hast gesagt, ihr habt euch irgendwo getroffen, aber das muss ja auch irgendwie bekannt gemacht worden sein. Weiter meintest du, dass der direkte Umgang wichtig war und dass Spass eine grosse Rolle gespielt hat.

Erdelmeier: Beim Seminar war es so, dass wir uns getroffen haben und grob ein Thema abgesteckt haben. Wir haben uns zum Beispiel gefragt, was es heute bedeuten kann, subversiv zu sein, geht das überhaupt noch und gibt es so etwas wie einen Untergrund. Einige hatten damals illegale Parties organisiert, die an verschiedenen Orten in alten Häusern oder auch öffentlichen Orten, z.B. auf einer Verkehrsinsel stattgefunden haben. In diesem Zusammenhang fragten wir uns, ob das jetzt eine Untergrundform ist oder subversive Taktik oder einfach ein Feierabendspass. Das Entscheidende war, dass man sich aber nicht so grundlegend vorbereitet hat wie an der Uni, wenn man ein Seminar besucht, wo einer reinkommt und ein Referat hält. Da gibt es einen Professor der das mehr oder weniger leitet und Leistungen benotet. Man will da natürlich positiv auffallen.
Aber darum geht es bei den PÖF eigentlich nicht. Bei den Treffen haben alle spontan und mit ihrem jeweiligen Informations- oder Bildungstand gesprochen und darauf hat man direkt reagiert. Es geht darum, dass man einen Prozess in der Gruppe in Gang bringt, dass ich mit den Leuten auf Gedanken komme, die ich alleine nie haben würde. Kleist hat über die allmähliche Formulierung der Gedanken beim Sprechen geschrieben, dass er erst weiss, was er denkt, wenn er es jemandem erzählt hat. Das ist ja eine alte Weisheit, dass man durch das Erzählen erst auf weitere Gedanken kommt oder Gedanken präzisieren kann.

fuzzy-space: Wurden die Veranstaltungen moderiert oder haben alle durcheinander gedacht und gesprochen?

Erdelmeier: Es gab natürlich viel Leerlauf und wir haben da auch viel Mist geredet. Wir haben über Underground und Innenstadtpolitik genauso diskutiert wie über DJ-Kultur. Wir wussten schon, worüber wir reden wollten. Man hat mit einem Thema angefangen und kam dann von einem zum anderen. Es hat auch jeder sagen können, dass ihm ein Thema langweilt und er jetzt über etwas anderes reden möchte. Das war dann auch O.K. Wir hatten keinen Talkmaster. Wobei es ganz lustig war, wie die eine oder der andere gelegentlich in diese Rolle geschlüpft ist.

fuzzy-space: Da spielt eine gemeinsame Interessenlage eine wichtige Rolle. Mit «Interessenlage» meine ich nicht, dass ihr euch alle für ein Phänomen interessiert hättet, sondern eher ein Interesse an einem gemeinsamen Kontext hattet.

Erdelmeier: Es gab so eine grobe politische Übereinstimmung, z.B. was Privatisierungsstrategien und das Verschwinden des öffentlichen Raumes anbelangte. Da gab es von vornherein einen Konsens. Oder dass man sich auch für andere Formen von Öffentlichkeit interessierte. Dass man nicht mit dem Medienangebot zufrieden war. Da hat sich ja bis heute wenig verändert. Nehmen wir die Talkshows, da wird eine Öffentlichkeit vorweggenommen. Ich darf an der Talkshow nicht teilnehmen, es sei denn, ich werde eingeladen, aber selbst dann ist das nur ein symbolischer Auftritt. Dort unterhalten sich die Stellvertreter meiner Person, und ich frage mich, repräsentieren die mich oder nehmen die mich vorweg und schliessen mich dadurch aus. Für mich ist Öffentlichkeit nicht das, was mir symbolisch vorgespielt wird, sondern etwas, an dem ich direkt partizipieren kann, mich sozusagen auch bewähren muss.

fuzzy-space: Apropos «bewähren». Besteht nicht die Gefahr, dass Veranstaltungen der PÖF zu Betroffenheitsseminaren ausarten und sich alle ganz dick lieb haben?

Erdelmeier: Natürlich ist eine nette Kuschelrunde langweilig. Uns ging es bei der Zusammenstellung der Gruppe um einen heterogenen Kreis. Hier sollten Gemüter unterschiedlicher Temperatur und Beschaffenheit aufeinandertreffen. Wenn man über Politik redet und urbane Entwicklungen innerhalb der Stadt bespricht, dann befindet man sich sehr schnell auf einer abstrakten Ebene. Wenn man immer auf dieser Ebene bleibt, dann schliesst es das Private, das Eigene, aus, da kann man sich dann immer herrlich transzendieren oder objektivieren mit solchen vernünftigen Inhalten.
Natürlich war der Titel «Seminar» ironisch gemeint. In dem Moment, wo einer vorne sitzt und einen Vortrag hält und ich ihm als Publikum gegenübersitze, ist schon eine Grenze markiert. Da werde ich ja nur bedingt eingebunden. Am Ende heisst es dann: «Es können noch Fragen gestellt werden», und das war's. Das ist natürlich etwas anderes als das, was wir gemacht haben. Da bist du von Anfang an gefordert gewesen, auch weil es keinen Talkmaster gab, bist du permanent aufgefordert gewesen, dich einzumischen und deine Anliegen einzubringen. Wir lassen uns ja ständig von irgendwelchen Inhalten bombardieren und es ging eigentlich darum, selber zum Träger von Inhalten zu werden. Für mich war das auch ein Übungsraum, um zu lernen, eigene Gedanken zu vermitteln.
Ich will nicht erst ein Buch lesen müssen, um dann mitreden zu können. Und ich mag es auch nicht, wenn alles nur auf ein Thema reduziert wird. Es muss auch nicht alles sofort ausdiskutiert werden, es geht um eine wilde Form des Denkens in einem Gruppenzusammenhang, ein Denken das unlinear ist, um es mit Deleuze zu sagen, um ein «rhizomatisches» Denken.

fuzzy-space: Die Ausstellung und der Katalog wurden 1996 organisiert bzw. publiziert. Damals wurde der Begriff der PÖF geboren. Gab es das Phänomen auch schon vorher, vielleicht unter einer anderen Bezeichnung, oder ist das eine Erfindung aus dem Frankfurter Raum, die jetzt weltweit für Furore sorgt?

Erdelmeier: So pathetisch würde ich das nicht formulieren. Es geht nicht darum, wer den Begriff erfunden hat. Die Idee eine Form von Öffentlichkeit zwischen Staat und privatwirtschaftlichen Interessen zu organisieren ist nicht neu. Der Salon oder das Caféhaus existierten schon früher und beinhalten die Idee einer parallelen Öffentlichkeit. Wir haben das Café für das «Seminar» bewusst gewählt, weil das ein Ort ist, wo jeder ohne viel Geld teilnehmen kann. Man ist dort in einer Öffentlichkeit und gleichzeitig ist doch eine intimere Gesprächssituation gegeben. Damals haben viele Leute darüber nachgedacht, selbstorganisierte Foren zu schaffen. In Frankfurt gab es zu dieser Zeit viele Bestrebungen, mit einer Mischung aus Kunst und Clubkultur etwas Selbstorganisiertes auf die Beine zu stellen. Das lag einfach in der Luft. Das Problem ist bei solchen Projekten immer, dass dir irgendwann das Geld ausgeht, da du doch Räume brauchst, und dass es auch wahnsinnig viel Arbeit ist. Wir haben trotzdem zwei Jahre richtig Programm gemacht.

fuzzy-space: Inzwischen hat sich die gesellschaftliche Situation verändert. Die ehemals subversive Strategie der PÖF wurde von Institutionen aufgegriffen und als breites Sendeformat in den grossen Medien verwendet. Die Unmenge an Talkshows oder Big-Brother-Sendungen macht dies deutlich. Haben PÖF ihre subversive Kraft verloren.

Erdelmeier: Das glaube ich nicht. Sicherlich versucht man von kommerzieller Seite, das Lebendige vorwegzunehmen, zu spielen und als Ware zu verkaufen. Wobei diejenigen, die das rezipieren, von dem Ereignis als solchem ausgeschlossen werden. Ich glaube aber nicht, dass das eine das andere nivelliert. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass es gerade jetzt wieder interessant wäre, so etwas zu machen, sehe jedoch die Gefahr darin, dass man sich zu sehr verfranst. Es ist heute noch wichtiger geworden, die entsprechende Form zu finden, und ich glaube, dass es nicht mehr bei internen Diskussionsrunden bleiben darf, sondern dass auch öffentliche Auftritte mitinszeniert werde müssen, die über das, was ich im Text als Kommunikation bezeichne, hinausgehen. Man müsste das dann aber auch besser organisieren. Wir hatten eine sehr lose Organisationsform, wenn man von Organisationsform überhaupt reden kann.

fuzzy-space: Durch die verstärkte Öffnung nach aussen verliert das Format PÖF aber enorm viel. Wenn wir versuchen, PÖF stärker zu strukturieren und vor allem auch öffentlich zu vermitteln, dann wird die ganze Sache zu einem grossen Unternehmen. Das bedeutet einen grossen Energieaufwand, braucht mehr finanzielle Mittel und eine ganz andere logistische Strategie. Für mich rechtfertigt sich dieser Aufwand erst, wenn ich direkt etwas bezwecken möchte, und dann bin ich eigentlich beim Begriff der «Gegenöffentlichkeit». Das ist ja etwas anderes als das Format der Parallelöffentlichkeit. Ich begreife PÖF als ein Forum zur Meinungsbildung, ohne dass daraus als nächster Schritt eine Aktion folgen muss. Das kann in ganz anderen Zusammenhängen der Fall sein, muss aber bei PÖF nicht von vornherein angelegt sein.

Erdelmeier: Man hat dann andere Probleme am Hals. Man muss sich über ganz andere Fragen Gedanken machen. Wie tritt man an die Öffentlichkeit heran, wie wird etwas vermittelt, etc. Man muss auch viel mehr delegieren und plötzlich hat man eine Managementgruppe zusammen und muss die zur Verfügung stehende Zeit für Organisatorisches nutzen. Der Vorteil in der kleinen Gruppe war sicher jener, dass man nicht mit der Logistik beschäftigt war.

fuzzy-space: Ich sage nicht, dass das eine besser ist als das andere. Ich glaube aber, dass das unterschiedliche Formate sind. Und dessen muss man sich bewusst sein, auch in welchem Kontext man sich dann bewegt. Die Idee der PÖF war mir viel sympathischer als jene, ein Forum aufzubauen, um eine kritische Position für oder gegen etwas zu formulieren. PÖF könnten eine Grundlage sein um eine Gegenöffentlichkeit zu entwickeln, aber das ist ein grosser Schritt.

Erdelmeier:  Gegenöffentlichkeiten ist ja ein Begriff, der von linken und autonomen Gruppen benutzt wird. Da wird oft so ein Dogma hochgehalten. Ich darf nur bestimmte Sachen sagen und wenn ich etwas Anderes sage, was eben nicht der gruppeninternen Ideologie entspricht, dann werde ich aus dieser Gruppe mitunter ausgeschlossen. Das finde ich problematisch. Darum geht es bei den PÖF erstmal gar nicht.

fuzzy-space: Mir erscheint die Diskussion um aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen im Rahmen der so genannten «Globalisierung» sehr diffus. Die enormen Probleme treten immer deutlicher zu Tage, aber eine breite gesellschaftliche Auseinandersetzung bleibt aus. Ist die fehlende individuelle Meinungsbildung die Ursache für dieses Desinteresse? Versagen PÖF im grösseren Kontext als unabhängiges Meinungsbildungsinstrument?

Erdelmeier: Die Parallelöffentlichkeit ist eigentlich eine bürgerliche Praxis. Ein wichtiger Zwischenbereich zwischen Staat und privaten Unternehmen. Das Gewaltmonopol des Staates wird nicht in Anspruch genommen, anderseits werden eben auch nicht nur private Profitinteressen gefördert. Es geht um etwas, was dazwischen liegt, und dieses «dazwischen» geht immer mehr verloren. Ohne Bürger, die in der Lage sind, ihre eigene Meinung aus einem eigenen Meinungsbildungsprozess zu entwickeln, ist auch keine Demokratie möglich. Das aktuellste Beispiel ist Italien. Da haben wir einen Ministerpräsidenten, der fast alle Fernsehsender und Printmedien besitzt und jetzt Gesetze macht, um nicht wegen Bilanzfälschung angeklagt zu werden. Das ist das Zusammenfallen von Staat und Privatinteressen und stellt eine Gefahr für die demokratische Öffentlichkeit dar.

fuzzy-space: Ich danke dir für das Gespräch.

 

 

Parallelöffentlichkeiten PÖF, Christof Salzmann (fuzzy-space.de) im Gespräch mit Thomas Erdelmeier erschien im Juli 2002 als Beitrag zum Projekt Urlaub (http://www.wortwerk.ch/urlaub) Copyright beim Autor und wortwerk

 

 

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